Oliver Kahn : Ein Moment Ewigkeit

...und Ottmar Hitzfeld sagt zu Oliver Kahn: „Ach, Olli, was wir noch alles zusammen erleben müssen“.

Günter Klein[Getafe]
FC Getafe FC Bayern München
Weiter, weiter, immer weiter. Die internationale Karriere von Torwart Oliver Kahn geht in die Verlängerung.-Foto: dpa

Sie spielten alle verrückt. Ein Stürmer, der mit verzerrtem Gesicht über den Rasen sprintete, weil er selbst nicht glauben konnte, dass er noch getroffen hatte in dieser allerletzten Sekunde, ein Mittelfeldspieler, der blutend auf dem Rasen lag, weil ihn sein eigener stürmender Torwart umgerannt hatte – im gegnerischen Strafraum! – und dann, natürlich, der Torhüter von Welt, der im beinahe letzten Spiel seiner Europa-Abschiedstournee noch einmal den King Kahn gab und sich selbst eine Verlängerung erzwang. Ein FC Bayern, der verrückt spielt und das Land noch am nächsten Tag von nichts anderem reden ließ als von diesem Fußballabend, der – ja das hatte man ganz vergessen – im Viertelfinale des Uefa-Cups im Madrider Vorort Getafe vor 16 000 fassungslosen Augenzeugen die Dramatik neu erfand. 3:3 nach Verlängerung, Halbfinale – und ein Spiel für die Ewigkeit.

Er hat schon so viel erlebt, aber dieser Abend führte auch Kahn in eine neue Dimension. „Da musst du 20 Jahre Europacup spielen – und kriegst noch so was draufgesetzt“, stammelte Kahn nach dem Spiel, seine Augen immer noch weit aufgerissen. Mit Trainer Ottmar Hitzfeld lag er sich in den Armen, und Hitzfeld sagte zu ihm: „Ach, Olli, was wir noch alles zusammen erleben müssen.“ Die beiden großen scheidenden Figuren des FC Bayern – wie ein altes, glückliches Ehepaar.

Mehr passt nicht an Verrücktheiten in einen Fußballabend. Ab der 5. Minute ist der FC Getafe ein Mann weniger – de la Red hatte Rot gesehen, eine Fehlentscheidung. Doch der Außenseiter geht in Führung, sieht wie der sichere Sieger aus, hat in der Schlussphase mächtige Chancen, aber die Stürmer rutschen vorm leeren Tor auf dem nassen Rasen aus. In der vorletzten Minute schießt Ribéry den Ausgleich. Verlängerung. Doch die Spanier überraschen die Münchner, nach glänzenden Toren in der 91. und 93. Minute steht es 3:1. Dann, als alles vorbei scheint, lässt Getafes Tormann Abbondanzieri den Ball fallen – Luca Toni verkürzt in der 115. Minute auf 2:3. Dann geht Kahn mit nach vorne, versucht zu köpfen, mit einem Einsatz nahe am Foul, die Bayern bleiben in Ballbesitz, die Zeit läuft ab, rinnt davon, alles steht plötzlich in Frage, die drei angestrebten Titel des FC Bayern, der glänzende Abschied des alten Ehepaares Hitzfeld/Kahn, und dann hat plötzlich Luca Toni den Ball – „keine Ahnung, wo der herkam“, sagt er später – aber egal, er trifft per Kopf, das Spiel ist aus. Und im kleinen Stadion ist es still und laut zugleich.

Ein Moment Ewigkeit bleibt hängen. Was soll man zu so einem Drama sagen? Oliver Kahn fand, das eigene Glück sei „Ausgleich für unser Pech 1999 gegen Manchester United gewesen“. Damals war das Spiel in letzter Sekunde gegen die Bayern gekippt. Ottmar Hitzfeld fiel dagegen erst einmal nur etwas Profanes ein, die erste Runde im DFB-Pokal: „Es war wie in Burghausen, wir sind ausgeschieden und kommen durch die Hintertür wieder rein.“ Burghausen und Getafe – beide sind sie Lehrbeispiele dafür, wie der Fußball sich von Hierarchien, Realitäten entfernen kann, und dadurch seinen Zauber der Zufälligkeit entfaltet. In der Nacht von Getafe bestimmten am Ende viele psychologische Momente, wie Hitzfeld analysierte: „Die Rote Karte war für Getafe wie Doping, die Sensation wäre noch größer gewesen.“ Selbst Spaniens König Juan Carlos I., eher für seine Leidenschaft fürs filigrane Segeln bekannt, schwärmte auf der Tribüne: „It’s a great game.“ Kurz vor Ende der regulären Spielzeit sagte er das, da ging das Match erst richtig los.

Irgendwann, lange nach dem ewigen Moment, gratulierte Bayern-Manager Uli Hoeneß in der Bankettrede Getafes Trainer Michael Laudrup zur großen Leistung seiner Mannschaft. „Die Spanier tun mir leid“, bekannte Hoeneß. Laudrup konnte das nur unzureichend trösten. „Es fällt schwer, sich nach diesem Spiel wieder aufzurichten“, sagte er. „Aber das Leben geht weiter und in ein paar Tagen wird das Team begreifen, dass es etwas Unglaubliches geleistet hat.“

Der Gegner im Halbfinale, Zenit St. Petersburg, hat vielleicht noch mehr Potenzial als Getafe. Aber vor wem sollten diese Bayern nach diesem Abend noch Angst haben? Luca Toni, die Münchner Tor- und Lebensversicherung, wird im Hinspiel wegen einer Gelbsperre fehlen. Ribéry und Jansen verließen lädiert den zertrampelten Rasen, und Kahn bekannte, er fühle sich „fix und fertig“. Hitzfeld will ihm überlassen, ob er am Sonntag gegen Dortmund spielt oder pausiert. Randnotizen.

Etwas Großes wird bleiben von diesem 3:3-Sieg des FC Bayern nach Verlängerung in Getafe im Viertelfinal-Rückspiel des Uefa-Cups, etwas Verrücktes. Ein Moment, der still und laut war zugleich.

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