Sport : „Oliver Kahn ist kein Vorbild für mich“

Wie Christian Schulte, der Verlierer im Kampf um den Platz im deutschen Tor, die Hockey-WM in Deutschland erlebt

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Christian Schulte ist ein Mensch mit eigener Meinung, und seine Meinung muss nicht unbedingt mit den Ansichten der breiten Masse übereinstimmen. Was Oliver Kahn angeht, zum Beispiel, den Torhüter der Fußball-Nationalmannschaft, sagt Schulte: „Oliver Kahn ist im Moment kein Vorbild für mich.“ Anfang Juni, beim letzten Testspiel vor der WM, hat er Kahn im Stadion beobachtet. „Er hat während des Spiels in die Luft geguckt, an der Ehrenrunde hat er sich erst nach Aufforderung beteiligt, und dann ist er auch nur ein bisschen im Mittelkreis herumspaziert“, sagt Schulte. „Für mich kam es nicht so rüber, dass er die Mannschaft unterstützt hat.“

Christian Schulte, 31 Jahre alt, Torhüter der Hockey-Nationalmannschaft, weiß, wovon er spricht. Er durchlebt gerade selbst die Oliver-Kahn-Geschichte: Es ist WM im eigenen Land, und die bisherige Nummer eins spielt nicht. Doch während Kahn mit dieser Situation zumindest rechnen musste, gab es für Schulte lange keinen Anlass, an seiner Position zu zweifeln. Erst sechs Tage vor Turnierbeginn hat er erfahren, dass plötzlich alles anders sein sollte, dass nicht er, sondern Uli Bubolz im Tor stehen werde. „Für die Mannschaft war das in unseren Augen die richtige Entscheidung“, sagt Bundestrainer Bernhard Peters.

Schulte kann nicht sagen, ob er die Entscheidung für sich schon akzeptiert habe, „verstehen tu ich sie nicht“. Die Nummer zwei ist er schon von 1997 bis 2004 gewesen, damals hinter dem überragenden Clemens Arnold. Eigentlich wollte auch Schulte nach Olympia 2004 aufhören, um sich auf seinen Beruf als Unternehmensberater zu konzentrieren. Aber der Bundestrainer hat ihn bekniet, bis zur Weltmeisterschaft weiterzumachen. „Die WM bedeutet ihm unheimlich viel“, sagt Peters. Schulte lebt in Neuss, er spielt für Krefeld – der Hockey-Park in Mönchengladbach liegt quasi um die Ecke. Das Turnier wird definitiv das letzte für ihn sein, es sollte der krönende Abschluss seiner Karriere werden. Und jetzt das.

Im ersten Gruppenspiel saß er noch auf der Bank, in den folgenden vier musste Schulte sogar auf die Tribüne, weil Peters einen zusätzlichen Feldspieler zur Verfügung haben wollte. „Das ist noch mal bitterer“, sagt er. Aber der Torhüter versucht, seine Enttäuschung nicht nach außen dringen zu lassen. „Ich könnte jetzt hintenrum stänkern und schlechte Laune verbreiten“, sagt er. „Aber so gewinnen wir das Turnier nicht.“ Stattdessen loben alle seine professionelle Einstellung. „Er hilft uns, er puscht uns“, sagt Uli Bubolz.

Vielleicht hält die Geschichte wenigstens noch eine schöne Schlusspointe für Christian Schulte bereit. Vor drei Jahren bei der EM in Barcelona wurde er im Finale zum Siebenmeterschießen eingewechselt, Schulte hielt zwei Siebenmeter, Deutschland wurde Europameister. Heute, im WM-Halbfinale (20 Uhr 15, live im WDR), treffen die Deutschen wieder auf Spanien, den Gegner von damals – und Schulte rettet Deutschland im Siebenmeterschießen? „Da haben Sie doch eine schöne Schlagzeile“, sagt Bernhard Peters. Allerdings müsste der Torhüter dafür zumindest auf der Bank sitzen. Schulte hat den Bundestrainer gefragt, ob er sich Hoffnungen machen dürfe, doch Peters hat sich noch nicht entschieden, beide Varianten hätten Vor- und Nachteile. „Wenn Bernhard glaubt, dass es kein Siebenmeterschießen gibt, setzt er mich auf die Tribüne“, sagt Christian Schulte. „Da wird es keine Sentimentalität geben.“

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