Sport : Olympia 1956: Mit Achilles in Melbourne

Heinz Florian Oertel

Was soll der Quatsch? Achilles, der Held der Ilias, 1956 bei den Sommerspielen in Melbourne? Und etwa Siegfried, der Nibelungen-Starke, auch? Lassen wir, anno 2000, kurz vor den Olympischen Spielen von Sysdney, das Sagenhafte; aber: sagenhaft war jene 1500-Meter-Konkurrenz vor 44 Jahren schon. Sehr sogar.

Siegfried Herrmann aus dem thüringischen Oberschönau, in Erfurt von Ewald Mertens trainiert, galt damals als stärkster deutscher 1500-Meter-Mann. Kurz vor Melbourne lief er noch vorzügliche 3:41,8 Minuten, nicht weit weg vom Weltrekord. Der deutsche "Nurmi", weil ebenso schweigsam wie der legendäre Finne, schien problemlos über seinen Vorlauf ins olympische Finale zu gelangen, bis ihm ein - unbeabsichtigter - Tritt des australischen Gastgeberfavoriten John Landy traf. Mit verrückten Fußschmerzen taumelte Siegfried Herrmann auf den Rasen. Später die Diagnose: Achillessehnenriss ...

Das Rennen seines Lebens

Im Finale, am 1. Dezember 1956, startete dennoch ein Deutscher, Klaus Richtzenhain. Herrmanns Erfurter Trainingsgefährte galt jedoch nur als großer Unbekannter. Doch für ihn, heute 65 Jahre alt und immer noch in Erfurt zu Hause, wurde es das Rennen seines Lebens. Vor ihm gewann ein krasser Außenseiter (wie schon bei den Spielen 1952 in Helsinki mit Barthel, Luxemburg), der Ire Ron Delany, die Goldmedaille. Richtzenhain rang im berühmten Millimeterspurt um Silber, zeitgleich in 3:42 Minuten, John Landy nieder, "rächte" Herrmann. Hinter ihm kamen auch die Riesenfavoriten, Ex-Weltrekordler Tabory (Ungarn), Hewson und Jungwirth ins Ziel.

Siegfried Herrmann brauchte harte Monate, um seine schwere Verletzung zu kurieren. Er, in der Tradition von Dr. Peltzer, Lueg, Valentin, später Tümmler, May, Wessinghage, wechselte etwas später auf längere Distanzen. Vor 35 Jahren, im August 1965, fixierte Herrmann binnen sechs Tagen einen Weltrekord über 3000 Meter in 7:46 Minuten und den Europarekord über 5000 Meter mit 13:30 Minuten. Beides noch heute Klassezeiten!

"Nurmi"-Siegfried als Trainer

Jahrelang trainierte "Nurmi"-Siegfried dann in Erfurt Nachwuchs und Gestandene wie den 50-Kilometer-Geher-Weltmeister und Olympiasieger Hartwig Gauder, den Mann mit dem zweiten Herzen.

Wenn man nun, kurz vor den Wettbewerben in Sydney, abwägt, was Altvordere wie Herrmann und Richtzenhain leisteten, kommt der Heutige aus dem Staunen nicht heraus. Nur ein Zahlenbeweis: Der nun 67-jährige Herrmann wurde 27-mal DDR-Meister, von 800 Meter bis 10 000 Meter, und elfmal war er es allein über seine "Achilles"-Distanz, die 1500 Meter.

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