Sport : Olympia 2000: Die sensible Frage nach dem Gesicht der Spiele

Martin Haegele

Immer in den Wochen, bevor die Olympischen Spiele eine Stadt verändert, kommen die Propheten mit ihren Bildern. Sie suchen hohe und breite Gebäude, am besten Wolkenkratzer, von denen dann die Riesenfotos jener Athleten auf die Besucher herabgucken, deren Bild man noch im Kopf behält, wenn man wieder wegfliegt. Im August haben Arbeiter an einem Bürogebäude im Zentrum Sydneys über dreißig Stockwerke hoch das Konterfei von Cathy Freeman hochgezogen. Die Olympiaveranstalter beeilten sich mit der Erklärung, es würden noch zwei andere Motive folgen, unter Garantie das von Ian Thorpe. Das Gesicht der Spiele schon vorab zu bestimmen, ist eine sehr sensible Angelegenheit.

Dieser Wettbewerb um den local hero, der am Ende der strahlende Superstar sein soll, ist selten direkt ausgetragen worden. Nichts wäre dabei schlimmer als ein offener Zwist, der womöglich das ganze Land spaltet. Bei allen offiziellen Anzeigenkampagnen des australischen Olympiakomitees treten die Lieblinge der Nation gemeinsam auf. In TV-Spots werben Cathy Freeman und Ian Thorpe für den Kauf von Olympia-Tickets, zigfach vergrößert lachen die Weltmeisterin über 400 Meter und der junge Mann, der über diese Distanz im Wasser den Weltrekord hält, Gäste und Landsleute an. Schließlich eint auch noch das schützende Interviewverbot, das die Trainer über Australiens populärste Athleten zum Countdown der Spiele verhängt haben. Die zwei sollen erst mal ihren Gold-Auftrag erfüllen.

Wenn "Superfish" im TV-Spot gegen dressierte Seehunde schwimmt und gewinnt, dann siegt Ian Thorpe auch für adidas. Wenn Cathy Freeman ins Bild kommt, dann erscheint meistens Sandy Bodecker, der seit einem Jahr Freemans Gatte und ansonsten ein hochrangiger Nike-Manager ist. Beim Kampf um die Symphatien werden die Vorzeigetypen des Olympialandes von den Giganten und härtesten Rivalen der Sportartikel-Szene gepusht. Und die setzen bei ihren Werbestars bewusst auf Gegensätze.

In einem Land, in dem viele Babys vorm Gehen schon schwimmen können, verkörpert der 17-jährige Thorpe den Lebenstraum vieler Landsleute. Sie waren schon schwimmverrückt, und nun besitzen sie auch noch diesen Goldfisch. Ein Phänomen, das die Menschen elektrisiert wie seinerzeit Boris Becker, der im gleichen Alter auf dem Rasen von Wimbledon zum Superstar geboren wurde. Auch in den rotblonden Teenager haben die Deutschen seinerzeit mehr hineininterpretiert, als vorhanden war. Nach demselben Raster funktioniert das Bild vom frühreifen Idol down under. Er sei unglaublich intelligent und gewitzt für sein Alter, heißt es in jeder Zeitung und in jeder Sendung. "Ian spricht manchmal wie ein Dreißigjähriger", sagt sein Trainer.

Zu Ian Thorpes Erfolgsstory gehört auch jenes Stück human touch, ohne die solche Popstar-Karrieren nicht perfekt funktionieren. Der Bruder seines Schwagers, mit dem er sich als 13-jähriger anfreundete, erkrankte an Krebs. Seinem besten Freund Michael widmete er den ersten Weltmeistertitel, und einen großen Teil seiner WM-Prämie stiftete er für die Kinderkrebshilfe. Und wenn der Jung-Millionär sagt, dass er später Arzt werden und Psychologie studieren wolle, um den Menschen zu helfen - wer möchte diesem smarten Darling der Massen und Medien nicht helfen, seine fünf Goldmedaillen an Land zu schwimmen.

Cathy Freemann galt als "Kichererbse", die schnell rennen und laut lachen konnte. Und hauptsächlich plapperte sie nach, was der Journalist, ihr Entdecker, Manager und Lebensgefährte Nick Bideau erzählte. Cathy Freemans Persönlichkeit zeigte sich zum ersten Mal, als sie für alle überraschend nach dem Sieg bei den Commonwealth-Spielen 1995 neben der Nationalfahne Australiens auch die Farben der Aborigines durch die Ehrenrunde trug. Es war ihr erstes Bekenntnis zur Kultur der Urbewohner; die Großmütter Freemans gehören zur sogenannten "stolen generation", die beide ihre Wurzeln nicht genau verfolgen können.

Bei der WM zwei Jahre später in Athen hat die Weltmeisterin dies wiederholt. In Interviews hat sie sich regelmäßig zu ihrer Herkunft bekannt, allerdings nie das Wort Rassismus in den Mund genommen. Sie wollte sich nie politisch äußern. Dass sie Ende April auf einer Europa-Tour öffentlich die Howard-Regierung kritisierte und für eine Politik der Aussöhnung zwischen dem Establishment der Einwanderer und den in die Outbacks verdrängten Aborigines plädierte, hat viele überrascht. Erst recht die Ankündigung, nach der sportlichen eine politische Laufbahn einzuschlagen.

Dass sich ihr ehemaliger Lebensgefährte Bideau in diesem Zusammenhang mit rassistischen Sprüchen ("die Aborigines haben etwas Selbstzerstörerisches im Blut") auch noch über Cathy Freeman lustig machte, hat der Sportlerin nicht nur Symphathien gebracht, sondern sie noch in der neuen Rolle bestärkt. Auf Cathy Freeman werden die Aborigines-Führer hören, wenn es um Proteste und Kundgebungen geht. Sie könnte der Katalysator zwischen dem weißen und schwarzen Australien sein. Und das über die Spiele hinaus. Was ganz gewiss noch wertvoller wäre als jetzt bei den Sponsoren das Duell gegen Ian Thorpe um die besten Verträge zu gewinnen.

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