Sport : Olympia 2000: Heiße Russen, kalte Schweden

Martin Hägele

Sascha Tutschkin ist ein Riesenkerl (2,03 Meter) mit ebenso großem Misstrauen. Man muss ihn ein paarmal bitten, bevor er spricht. Zur Zeit ist der Russe noch misstrauischer als sonst, was damit zusammenhängt, dass einer von Saschas Kumpeln einen Unfall gebaut hat. Die Crashs mit dem Handballstar ziehen sich wie ein roter Faden durchs Leben, und das Protokoll ist immer das gleiche: viel Schnaps, Fahrer verliert Kontrolle über das Fahrzeug, aber die Tour wäre kaum anders ausgegangen, wenn der Beifahrer am Steuer gesessen hätte.

Als es zum letzten Male krachte, hatte Sascha Tutschkin gerade zwei Chefs. Die von seiner neuen Firma Eintracht Hildesheim, und die alten Köpfe des russischen Handballverbandes. Und er hatte Glück, dass er sich dabei nicht verletzte und seine Vorgesetzten unter Zeitdruck standen. Die Bundesliga hatte gerade zwecks Olympia gestoppt, das russische Nationalteam übte parallel dazu in Wiesbaden am letzten Schliff für Sydney, weil die besten Handballer aus Moskau und Minsk mittlerweile fast alle in Deutschland arbeiten. Und das internationale Turnier von Straßburg sollte sie auf die Spiele einstimmen.

Klar ist, dass sie in Niedersachsen nun nachdenken werden über ihren prominentesten Neuzugang und dessen Promille-Akte. Der Treuebeweis der Russen fiel spontaner aus. Trainer Maximow hat zwar zwei junge talentierte Linkshänder in seinem Olympia-Kader, aber keiner, der von der halbrechten Position so routiniert und intelligent die Kreisläufer anspielt und auch noch so hart werfen kann wie Sascha. Sie brauchen ihn. Und er braucht sie. Die Karriere soll ein Happy-End kriegen nach all den Irrungen und Pannen, Unfällen und Verletzungen, die es im Leben des Sascha Tutsckin gegeben hat, seitdem er 1990 von TuSEM Essen als "weltbester Handballer" verpflichtet worden war. Viele sind ihm gefolgt. Bis auf Torwart Andrej Lawrow, der von Badel Zagreb verpflichtet wurde, versteuern alle Stammspieler ihr Einkommen vorm deutschen Fiskus. Deutsch ist Weltsprache im Welthandball. Wenn es in Sydney zum erwarteten Finale kommt, können sich Russen und Schweden gut verständigen.

Man kennt sich lange und gut. Magnus Wislander und Stefan Lövgren sind die Asse vom THW Kiel. Johan Pettersson spielt bei der HSG Nordhorn. Pierre Thorsson (VfL Bad Schwartau) hat im letzten WM-Endspiel das entscheidende Tor zum 25:24 geworfen. Bei der anschließenden Europameisterschaft hieß es nach Verlängerung 32:31 für Schweden. Dieses Duell um die Krone im Handball läuft nun schon eine Dekade lang.

Sascha Tutschkin weiß, dass er nicht mehr viel Zeit hat und auch nicht unbedingt auf jene alten Rechnungen schauen sollte. "Sicher möchte ich noch einmal in ein Endspiel - gegen wen ist mir egal". Er zögert ein bisschen, dann setzt er den Satz fort und lächelt. "Aber wenn wir die Goldmedaillen gegen Schweden gewinnen, wird es noch viel schöner sein". Schöner als gegen Kroatien (Olympiasieger von Atlanta) oder Frankreich, Tutschkins Mitfavoriten.

Warum die Skandinavier in diesen Partien, in denen es um alles ging, fast immer das bessere Ende für sich behalten haben, ist für Tutschkin eine Sache der Mentalität. Dem alten Star fällt es schwer, die Rivalen detailliert einzuordnen. Vielleicht auch, weil Sascha Tutschkin nicht nur im Spiel mit dem kleinen Lederball, sondern auch sonst ein bisschen so sein möchte wie diese blonden Typen aus dem Norden, die in ihrer Heimat mehr umjubelt werden als Skifahrer, Tennisspieler oder Kicker. "Wir spielen heiß, die spielen kalt", sagt Tutschkin. Aber das klingt irgendwie nach Ausrede. Oder Entschuldigung. Es könnte wieder mal so ausgehen wie meistens.

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