• Olympia 2000: Jahrhundert-Sportlerin Heike Drechsler zu den olympischen Goldplänen von Marion Jones

Sport : Olympia 2000: Jahrhundert-Sportlerin Heike Drechsler zu den olympischen Goldplänen von Marion Jones

Ernst Podeswa

"Fünf Goldmedaillen anzupeilen? Ich hoffe, sie weiß, was sie tut. Ich halte das für sehr mutig. Physisch traue ich ihr das zu, würde ihr aber von dem Vorhaben abraten", meint eine Athletin, die einst Ähnliches vor hatte, aber gescheitert war.

Warum Heike Drechsler dem Superstar der US-Frauen-Leichtathletik, Marion Jones, nicht empfehlen würde, in Sydney Anlauf auf fünffaches Gold (100 m/200 m/4x100 m/4x400 m/Weitsprung) zu nehmen, hat sie gestern in der Zentrale einer großen Bank am Brandenburger Tor erläutert. Anlaß ihres Erscheinens war die Unterstützung eines Unternehmens, das mit kompostierbarem Besteck und Geschirr die ökologischen Folgen des Olympiaspektakels mindern will.

1983, mit 17, war die heute 35-jährige Drechsler (damals Daute) erstmals Weitsprung-Weltmeisterin geworden. Der auf Druck von Moskau von der DDR befolgte Olympiaboykott 1984 in Los Angeles war die "sportlich größte Enttäuschung meiner Laufbahn". Vier Jahre später sollte die Tochter einer Schichtarbeiterin in Jena, die vier Kinder allein aufziehen musste, aus Seoul vier Goldplaketten nach Hause bringen. Auch als sportpolitische Antwort auf die auch in Ostdeutschland bereits populäre Tenniskönigin Steffi Graf. Drechsler kehrte zwar mit drei olympischen Medaillen zurück - Silber im Weitsprung, jeweils Bronze über 100 m und 200 m -, wurde aber intern heftig kritisiert. Während Steffi Graf nach den vier Grand-Slam-Erfolgen mit dem Olympiasieg das Jahr mit dem "Golden Slam" abschloss, war die junge Ostdeutsche dem Druck des "Staatsauftrages" nicht gewachsen. Zu allem Überfluss wurde der Jenaerin die Schuld für den Patzer des aussichtsreichen 4x100-m-DDR-Quartetts in die Spikes geschoben. "Nie wieder Staffel", schwor sich die Gescholtene danach.

Marion Jones dürfte kaum Kenntnis bekommen haben von diesem Debakel. Da war sie zwölf und pendelte zwischen Laufen und Basketball. Heute ist sie 24 und erstmals auf dem olympischen Prüfstand. "Ich bin in Seoul zehnmal gestartet und war hinterher physisch und nervlich völlig platt. Marion muss in Sydney mit jeweils vier Rennen auf den einzelnen Strecken rechnen", sagt Heike Drechsler. Dazu kämen noch Weitsprung mit Qualifikation sowie die Staffeln - eine "riesige Verletzungsgefahr". Weil Stress und Anspannung bei Olympia ungleich größer seien als bei jedem anderen Wettkampf inclusive der gefürchteten US-Olympiaausscheidungen (Trials).

Besonders schwer dürfte es Marion Jones im Weitsprung haben. "Sie könnte mit ihrer Schnelligkeit 7,40 m springen. Aber ihre Technik ist nach wie vor wenig ausgereift." Heike Drechsler, die manche Brüche in ihrer Karriere wie privat überstanden hat und nun mit dem französischen Ex-Zehnkämpfer Alain Blondel sowie Sohn Toni (10) aus erster Ehe in Karlsruhe lebt, hat bei EM und WM alles erreicht. Sie verbesserte zweimal den Weltrekord und konnte in der 4x400-m-Staffel die Stadionrunde in 50 Sekunden abspulen. Doch Gold bei Olympia gelang ihr erst 1992 in Barcelona mit dem gesamtdeutschen Team. Damals reichten 7,14 m. "Ich vermute, dass diesmal etwa 7,20 m für Gold nötig sein werden." Dafür kämen neben Jones vor allem Fiona May (Italien), die russischen Springerinnen, die Schwedin Jacobsson und andere in Frage. Und Heike Drechsler selbst, die vom Leichtathletik-Weltverband als einzige Deutsche als "Jahrhundert-Sportlerin" geehrt worden war? "Eine Medaille für mich wäre Klasse, Gold super. Aber auch sonst werde ich alles tun, um den jungen Damen zu beweisen, dass man mit 35 und entsprechendem Ehrgeiz noch nicht zum alten Eisen gehört."

Das bewies Drechsler bereits 1998 mit dem Erfolg über Jones beim Weltcup in Johannesburg. Bei den Weltmeisterschaften 1999 in Sevilla wollte Jones als vorolympische Probe viermal triumphieren, musste aber nach Rang eins über 100 m und drei im Weitsprung über 200 m verletzt aufgeben. Heike Drechsler: "Ich wundere mich, dass sie daraus nicht gelernt hat." Aber vielleicht sei das die amerikanische Mentalität, nach den Sternen greifen zu wollen...

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