Sport : Olympia 2000: Lange war Laufen nur Therapie, nun plant Baumann für Sydney

Robert Hartmann

Eines wird am Sonnabendnachmittag um 16:25 Uhr wieder so sein wie früher: Die Zuschauer werden im Braunschweiger Stadion mit dem Startschuss zum 5000-Meter-Lauf das rote Trikot Dieter Baumanns suchen. Daran hat sich der 35-Jährige seit 1986 gewöhnen können, als er den ersten seiner 35 deutschen Meistertitel holte. Er wurde Olympiasieger, Olympiazweiter, Europameister und entwickelte sich in knapp anderthalb Jahrzehnten zu einem der beliebtesten deutschen Leichtathleten. Er galt als Vorkämpfer gegen Doping - bis er selbst bei drei Proben dreimal eine verbotene Substanz in Urin und Blut hatte und vorläufig gesperrt wurde. Im Juli sprach der DLV-Rechtsausschuss Baumann frei und begründete dies vorrangig mit Versäumnissen bei Entnahme, Lagerung und Transport der beiden positiven Urinproben.

Baumann verlor über Nacht seinen Beruf. Ende letzten Jahres sei er zum Training nicht mehr fähig gewesen, und später, "im turbulenten Mai", auch nicht. Er hielt sich mit Langläufen in ruhigem Tempo fit. Immerhin, "der Umfang hat gestimmt." Ein qualitativ gutes Training hingegen brachte er nicht zustande. Kurze, harte Läufe erfordern eine hohe Konzentration, und die brauchte er komplett für seine Dopingangelegenheiten. Schließlich gehe man nicht zu einer Anhörung und plaudere nur ein bisschen.

Baumann bemerkte, wie sich sein Verhältnis zum Beruf veränderte. Er habe trainiert "wie ein normal Beschäftigter, der abends im Wald läuft." Nach dem Motto: "Ich weiß, es tut mir gut." Gesundheitlich, besonders aber seelisch. "Ich habe jetzt eine andere Lust zu laufen. Ich bin noch näher gekommen zu einem richtigen Läufer. Früher stand die Leistung im Vordergrund. So habe ich Laufen definiert. Heute ist es so: Wenn ich raus gehe in den Wald, bin ich happy. Sich bewegen, die Gedanken spazieren tragen, früher war mir das wurscht."

Laufen als Therapie. Und Laufen hinter einer undurchdringlichen Mauer. Was über ihn geschrieben wurde, "habe ich tatsächlich nicht gelesen," sagt Baumann. Er verhielt sich zur Außenwelt wie die berühmten drei Affen. Nichts sehen, nichts hören, nichts riechen. "Das ist nackter Überlebenskampf. Damit schützt man sich." Er sagt, er verstehe auch die Gegenreaktion: "Man will immer jemanden stürzen sehen. Das ist normal." Andererseits sammelte er die Erfahrung, "dass viele in der Leichtathletik sagen: Das ist ein gutes Urteil." Sein Freispruch - den der Weltdachverband, die IAAF, allerdings wieder kippen kann. Für manchen seiner Gegner sei das der letzte Strohhalm, sagt er. "Aber dieser Strohhalm wird knicken."

Irgendwann steigerte Baumann sich im Training und lief für sich alleine eindrucksvolle inoffizielle Zeiten wie 7:41 Minuten über 3000 Meter und 13:18 Minuten über 5000 Meter, die er beim ersten Wettkampf nach der Aufhebung seiner Suspendierung am 25. Juni in Nürnberg mit der Olympianorm von 13:18,78 Minuten wiederholte. Seitdem plant er für seinen vierten olympischen Einsatz in Sydney. Nach den Plätzen eins, zwei und vier strebt er den Endlauf an. "Der Weg bis Ende September ist weit. Ich habe sogar noch gut Zeit."

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