• Olympia 2000: Sydney-Gast Muhammad Ali verkörpert jene Sportart, die vor dem olympischen Aus steht

Sport : Olympia 2000: Sydney-Gast Muhammad Ali verkörpert jene Sportart, die vor dem olympischen Aus steht

Hartmut Scherzer

Nur kein Skandal. Sonst geht das Boxen bei Olympia k.o. "Ich glaube, die Herren des Weltverbands AIBA haben begriffen, was die Stunde geschlagen hat", meint Chef-Bundestrainer Helmut Ranze vor dem Auftakt des olympischen Boxturniers. Videokameras von allen vier Seiten werden korrupten Punktedrückern auf die Finger schauen. Die Aufpasser der Jury werden ihnen erstmals direkt im Nacken sitzen. Denn nach den Skandalen der Vergangenheit geht es in Sydney um die olympische Existenz des Boxens, über das IOC-Präsident Samaranch noch schützend seine Hand hält. "Aber es kommt ein neuer IOC-Präsident. Einen weiteren Skandal kann sich das Boxen daher nicht leisten, sonst fliegt es aus", sagt Ranze. Da mutet es grotesk an, dass ausgerechnet ein olympisches Boxturnier den größten Athleten des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat: Muhammad Ali. Der Olympiasieger von Rom ist zu einem Mythos geworden, seit der von der Parkinsonschen Krankheit gezeichnete dreimalige Champion im Schwergewicht vor vier Jahren in Atlanta mit zitternden Händen das Olympische Feuer entflammte. Als "special guest" wurde Ali jetzt am Tag vor der Eröffnungsfeier bei der offiziellen Willkommensparty für die Medien auf der Pferderennbahn von Sydney gefeiert. Nur eine Viertelstunde mit Ankunft und Abgang dauerte zwar der von einer Zeitung und einem Sponsor organisierte kurze Auftritt in einem riesigen Zelt auf dem Rosehill Racecourse. Doch gemessen am tumultuarischen Gedränge von Fotografen, Kameraleuten und Journalisten schien Alis Besuch ein erster Höhepunkt der Spiele zu sein. Mit schleppenden Schritten, aber dem alten spitzbübischen, wachen Blick im frischen Gesicht schlurfte der 58-jährige Ali durch das Gewühl und das Spalier der applaudierenden Reporter. Dann erhob er sich nach der kurzen Begrüßung seiner Frau Lorna mühsam aus dem Stuhl und zwang sich mit höchster Anstrengung zu dem, was ihm einst sprudelnd über die Lippen gekommen war: talk to the press. "Ich bin es, der Größte aller Zeiten. Ich könnte sofort boxen." Der alte Schelm. "Habt ihr Fragen? Gott segne euch. Bleibt anständig. Good bye." Es war kaum einer unter den rund 500 Gästen, der einst die amüsanten Pressekonferenzen des witzigen, plappernden Großmauls erlebt hatte. Ali ist in Sydney Gast eines Sponsors und "nur Zuschauer, der Freude an den Spielen und am Boxen haben will", sagte seine Frau. Bis zum Dienstag wird der "Größte" in Sydney bleiben. Sein Besuch dürfte zum Höhepunkt des Boxturniers werden, das morgen in den Messehallen von Darling Harbour beginnt. Als erster Deutscher klettert Steven Küchler (Halle) im Weltergewicht gegen Tsie Mosolesa (Lesotho) in den Ring. "Mit einer Ausnahme haben alle unsere Boxer Gegner erhalten, die sie schlagen müssten", meint Ranze. Die Ausnahme: Cengiz Koc(Berlin) trifft auf den kubanischen Favoriten Polleda Rubalcaba - im Superschwergewicht, der Ali-Klasse.

Erstmals werden aber auch zwei Brüder im deutschen Team stehen: Kay und Falk Huste. "Es kämpft zwar jeder für sich allein, dennoch leidet jeder für und mit dem anderen. Wir wollen olympische Geschichte schreiben", sagte der nach den Jahrhundertspielen in Atlanta zum zweiten Mal in den olympischen Boxring zurückgekehrte Falk Huste. Bisher ist er noch nie von einer internationalen Meisterschaft gemeinsam mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder medaillengeschmückt heimgekehrt. "Wenn es diesmal nicht klappt, dann nie mehr", glaubt der sechs Kilo schwerere Kay Huste.

Das einmalige Ziel der in Frankfurt (Oder) wohnenden Schützlinge von Heimtrainer Karl-Heinz Krüger, die auch in Sydney ein Zimmer teilen, wird sich nur schwer verwirklichen lassen. Sollte Federgewichtler Falk, zugleich Kapitän der achtköpfigen deutschen Staffel, seine Pflichtaufgabe in der ersten Runde gegen den Finnen Joni Turunen meistern, wartet Weltmeister Ricardo Juarez als nächster auf ihn. Dem US-Amerikaner war der 28-Jährige vor 14 Monaten bei der WM unterlegen. Für Halbweltergewichtler Kay sieht es von der Papierform her leichter aus. Zum Auftakt wartet der Argentinier Hugo Victor Castro als Herausforderer.

"Kay hat lösbare Aufgaben, doch insgesamt haben wir nicht viel Glück. Es ist sehr hart, sich bis zu den Medaillen, geschweige denn bis zum Olympiasieg durchzuboxen", sagt Ranze. "Ein Auftaktsieg würde alle beflügeln", sagt Falk Huste zum Kampf von Küchler, der morgen in den Ring muss. Sportsoldat Falk Huste hat noch ein bisschen Zeit: bis Montag. Sein Bruder aber - Europameister 1998 - muss noch länger auf sein Olympia-Debüt warten: Erst am Mittwoch darf er ran.

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