Olympia 2008 : Die dicke, fette, rote Linie

Warum das Internationale Olympische Komitee jede Einmischung in die Politik Chinas vermeiden will. IOC-Funktionär Verbruggen redete sich bei Fragen zu Tibet in Rage.

Benedikt Voigt[Peking]
207186_0_f03b2bdd
Hein Verbruggen -Foto: dpa

Im dritten Stock des Pekinger Swisshotels offenbarte sich das ganze Dilemma des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Ob bei den Olympischen Spielen in Peking eventuelle Proteste auf den Rängen im Fernsehen live zu sehen sein werden, wurde Hein Verbruggen von einem Journalisten gefragt. „Ich hoffe es für Sie“, sagte der Vorsitzende der IOC-Koordinierungskommission, denn das wäre wohl ein Zeichen, dass die chinesische Zensur während der Spiele etwas außer Kraft gesetzt wäre. „Aber ich hoffe es nicht für mich“, ergänzte er. Proteste auf den Rängen sind dann doch nicht im Interesse des IOC.

Eigentlich hatte die Koordinierungskommission des IOC nach sechs Jahren Arbeit über den organisatorischen Ablauf der Olympischen Spiele 2008 sprechen wollen. Doch angesichts der unaufhörlichen Fragen zu den Ereignissen in Tibet und der Menschenrechtssituation in China, redete sich Hein Verbruggen in Rage. „Wir müssen mit Politikern verhandeln, um die Spiele zu organisieren, aber wir dürfen uns nicht in die Politik einmischen“, erklärte er, „dazwischen liegt eine dicke, fette, rote Linie, und ich bin ein starker Verteidiger dieser Linie.“ Sonst müsse sich das IOC, wenn es die Spiele an Madrid oder New York vergäbe, auch mit den Forderungen des Baskenlandes oder den Kriegsgefangenen in Guantanamo beschäftigen. In der Boykottfrage ging Verbruggen sogar zum Angriff über. „Es gibt Politiker, die in China Wirtschaftsverträge abschließen und dann drei Monate später einen Boykott verlangen“, sagte er. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte im November mit seinem chinesischen Gegenüber Hu Jintao Aufträge im Wert von 30 Milliarden Dollar vereinbart – und zuletzt einen Boykott der Eröffnungsfeier nicht ausgeschlossen.

Die deutsche Fechterin Imke Duplitzer hat angekündigt, der Eröffnungsfeier aus politischen Gründen fern bleiben zu wollen. Athleten dürften sich während der Spiele frei äußern, sagte Verbruggen, „es wir keinen Maulkorb geben“. Allerdings drohte das deutsche IOC-Mitglied Walther Tröger Sportlern mit dem Ausschluss von den Wettkämpfen, sollten sie bei den Olympischen Spielen in Peking offen gegen Chinas Tibet-Politik protestieren. „Wer in gekennzeichneten Bereichen gegen das Verbot unzulässiger Werbung oder Propaganda verstößt, kann unverzüglich und nach Prüfung des Einzelfalls ausgeschlossen werden“, sagte Tröger der „Frankfurter Neuen Presse“.

Schließlich bezog Hein Verbruggen auch Stellung in der Frage der Fernsehübertragungen. Das chinesische Fernsehen sendete die Willkommenszeremonie für die Olympische Flamme mit einer Minute Verzögerung. Das werde es für ausländische Fernsehanstalten während der Spiele nicht geben. „Wir produzieren die Bilder in Zusammenarbeit mit dem Organisationskomitee selber“, erklärte Verbruggen, „was die Fernsehanstalten damit machen, ist ihre Sache.“ Entgegen anders lautenden Gerüchten werde für die Fernsehsender auch die Live-Berichterstattung auf dem Tiananmenplatz, einem politisch hochsensiblen Ort, erlaubt sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar