Sport : Olympia 2008: Fluchen verboten

Harald Maass

Für den wahren olympischen Eifer ist man nie zu alt. Auch nicht, wenn man schon lange Rentner ist und eigentlich lieber in einer kleinen Pekinger Gasse beim Lamatempel im Schatten sitzen würde, als Englisch zu üben. "Follow me!" - "Sprecht mir nach!" ruft Wang Yonghong ihren betagten Zuhöhern zu, und ihr hölzerner Zeigestab fliegt über die Schiefertafel an der Wand. "Do you like the Olympics?" ruft sie mit quiekender Stimme. Die auf Hockern versammelten Nachbarn sprechen im Chor nach. "Magst Du Olympia? - Yes, I do!", ruft Wang. Ihr rundes Gesicht strahlt. Auch die Rentner lachen.

Überall büffeln sie in diesen Tagen in Peking. Die Taxifahrer, die U-Bahnschaffner und selbst die Polizisten eignen sich ein paar Brocken Fremdsprache an. Alles für Olympia. Sie haben sich Mühe gegeben, die Pekinger, um vorm IOC gut dazustehen. Aus Europa haben sie neuen Rasen importiert, nur damit die Grünflächen schöner leuchten. Die grauen Wohnblöcke wurden neu angestrichen, neue Busse hat man angeschafft, die Straßenlampen poliert. Ganze Stadtviertel wurden abgerissen, um Platz für neue Bahnhöfe und breitere Straßen zu machen. Am liebsten würden sie Olympia gleich mit neu erfinden: "Xin Beijing, Xin Auyun" lautet das Motto, plakatiert an jeder freien Wand. "Neues Peking, neues Olympia".

Beten unterm olympischen Banner

Charmant und weltoffen will sich Peking präsentieren. Die Drei Tenöre durften deshalb im Kaiserpalast ein Konzert geben. Daoistische Mönche beteten unterm olympischen Banner. 2008 Frauen wollen sich das Haar abschneiden, um daraus Olympische Ringe zu flechten. Zivilisiert will die 13-Millionen-Stadt erscheinen. In Fernsehspots wurde den Bürgern erklärt, dass Spucken auf die Straße unhygienisch ist. Die Freiluftmärkte wurden geschlossen - zu laut und dreckig. Taxifahrer müssen neuerdings weiße Bezüge über die Polster ihrer Autos ziehen. Selbst den Pekinger Fußballfans, bekannt für ihren derben Wortschatz, wurde offiziell das Fluchen untersagt. Alles haben sie für Olympia vorbereitet. Und nur an eines scheint keiner gedacht zu haben. Was passiert eigentlich, wenn Peking heute vom IOC den Zuschlag nicht bekommt?

Sie waren schon einmal nah dran. 1993 hatte sich Peking das erste Mal beworben, um die Spiele 2000. Auch da hatte China eine riesige Kampagne aufgezogen, rigider und unfreundlicher als diesmal. Mit Bussen fuhr die Sicherheitspolizei durch die Stadt, um Bettler und Behinderte einzusammeln. Dissidenten, die sich gegen die Ausrichtung der Spiele ausgesprochen hatten, wurden festgenommen. Trotzdem wähnte sich Peking als Favorit. Als schließlich IOC-Chef Juan Antonio Samaranch den Namen "Beijing" ins Mikrofon sprach, brachen die Pekinger Sportfunktionäre vor der Bildschirmwand in lautstarken Jubel aus. Doch die ausländischen Reporter erklärten ihnen, dass Samaranch erst die Verlierer aufgezählt hatte. Sieger war Sydney, mit zwei Stimmen Vorsprung. Für die Chinesen eine schmerzhafte Niederlage.

Peking hat sich seitdem verändert. Die ehemalige Kaiserstadt, von den Kommunisten in den fünfziger Jahren zu einem Industriemoloch umgebaut, ist im Umbruch. Hochhäuser und moderne Geschäftsviertel verdrängen die Hutongs, die traditionellen Altstadtgassen. Wohnblöcke aus der Mao-Zeit werden renoviert. Am Wochenende strömen die wohlhabenden Chinesen zu Ikea, um sich Billy-Regale zu kaufen - oder um mal in den bequemen Betten zu dösen. In Restaurantstraßen wie der Dongzhimennei wird bis in die Nacht gefeiert. Viele junge Chinesen können heute Englisch, lesen im Internet über das Ausland. In sieben Jahren wird Peking eine Weltstadt sein.

Kaum jemand zweifelt, dass Chinas Hauptstadt die Spiele organisieren könnte. Von den IOC-Prüfern bekam Peking das Prädikat "Ausgezeichnet". Im Norden, wo noch Wiesen sind und ein paar alte Fabriken stehen, soll eine riesiges olympisches Dorf gebaut werden. Geld ist da. Chinas Wirtschaft ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten rasant gewachsen - seit 1993 hat sich Pekings Bruttosozialprodukt verdoppelt. Die Stadt hat ausreichend große Hotels. Im Universitätsviertel leben viele Studenten, die bei den Spielen als Dolmetscher eingesetzt werden könnten. Und: Peking wäre an der Reihe. Kanada und Frankreich, wo sich Paris und Toronto um die Ausrichtung bewerben, hatten beide schon einmal Olympische Spiele im Land. Gegen China spricht nur eins: politische Bedenken.

Vielleicht sollten die IOC-Delegierten die Pekinger fragen. Im Unterschied zu 1993, als die meisten die Olympiabewerbung ihrer Regierung nicht interessierte, steht das Volk diesmal hinter dem Vorhaben. Alle scheinen eine ehrliche Vorfreude auf die Spiele zu verspüren. Frau Wang und ihre Nachbarn büffeln deshalb Englisch. Dass wegen der Spiele ihre alte Gasse abrissen werden könnte, schreckt sie nicht. "Dann kriegen wir endlich neue Wohnungen", sagt ein Nachbar. Auch ein Grund, Englisch zu lernen.

Bisher erschienen in unserer Serie Beiträge aus Istanbul, Osaka, Toronto und Paris.

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