Sport : Olympia 2008: Kommentar: Ein gewöhnliches Stück

Benedikt Voigt

Der gestrige Tag war ein trauriger für die chinesische Philatelistengemeinschaft. Bis 16.09 Uhr durften die Briefmarkenfreunde noch hoffen, dass Toronto die Olympischen Spiele 2008 bekommt oder Paris. Es hätte auch Istanbul oder Osaka sein dürfen - nur eben nicht Peking. Schon vor der Wahl war durchgedrungen, dass die Volksrepublik China millionenfach Briefmarken in den olympischen Farben gedruckt hat. Das hatte den Briefmarkenfreunden Hoffnung gemacht. Denn was wäre passiert, wenn IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch Peking nicht als Gewinner ausgerufen hätte? Millionen von Briefmarken wären in Verbrennungsöfen gelandet. Und das wäre die Stunde der Sammler gewesen. In Hongkong wäre eine Briefmarke vom Lastwagen gefallen, in Shanghai wäre ein anderes Exemplar vor dem Verbrennungstod bewahrt worden, und in Peking hätte sich ein Drucker ganz besonders gefreut. Er hatte schon bei der Herstellung einen ganzen Bogen von der Walze geklaut. Wenige Marken wären auf diese Weise den Philatelisten erhalten geblieben, und das hätte die Olympiamarke 2008 schon bald zu einer modernen Blauen Mauritius erhoben. Eine ähnliche Entwicklung auf niedrigerem Niveau kennt man von den T-Shirts der Olympiastadt Athen. Ein Stück mit der Aufschrift Olympia 1996, als Athen mit seiner Bewerbung scheiterte, ist Kult. Ein Exemplar mit der Aufschrift Olympia 2004, das tatsächlich in Athen stattfindet, ist Kommerz. Die Beijing-Briefmarke 2008 wäre für chinesische Philatelisten beides, Kult und Kommerz.

Zum Thema Porträt: Olympia in Peking: Realitäten, Wunschbilder und ein Albtraum Nun kommt es anders. Durch die Wahl Pekings ist die chinesische Olympia-Marke zu einem ganz gewöhnlichen Stück geworden. Schon heute sind in Hongkong drei Millionen Olympia-Marken zu kaufen, und auch in Macau ist die Briefmarke nun überall im Handel. Bei der wachsenden Begeisterung der Chinesen für die Olympischen Spiele, kann man sich vorstellen, dass bald sehr viele Chinesen ihren Brief mit einer Olympiamarke freimachen wollen. Und es gibt viele von ihnen, insgesamt 1,3 Milliarden. Die chinesischen Philatelisten schwimmen bald in einem Meer von Olympiamarken. Was können sie tun? Vielleicht das Metier wechseln - und Olympia-T-Shirts aus Osaka sammeln.

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