Sport : Olympia 2008: Peking erobert Moskau

Elke Windisch

Um 18.09 Uhr Ortszeit brach die Delegation in einer der hinteren Reihen des Moskauer World Trade Centers in Jubel aus. Dort saßen die Vertreter Pekings und hatten allen Grund zur Freude. Soeben hatten die 118 anwesenden Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Peking als Austragungsort für die Olympischen Sommerspiele im Jahre 2008 gewählt. Der hohe Favorit setzte sich bei der 112. IOC-Vollversammlung bereits im zweiten Wahlgang mit der absoluten Mehrheit durch. IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch benutzte diesmal gar nicht seinen berühmten Spruch "And the winner is ...". Denn der Sieger stand schnell fest.

Zum Thema Porträt: Olympia in Peking: Realitäten, Wunschbilder und ein Albtraum Peking hatte im zweiten Wahlgang 56 Stimmen bekommen, Toronto 22, Paris 18, Istanbul 9. Osaka war schon im ersten Durchgang ausgeschieden. Vorausgegangen waren aufwendige Präsentationen aller fünf Bewerber. Doch die Karten der Bieter waren schon durch ein Gutachten der IOC-Evaluierungskommission im Mai vorgemischt. Es listete die Stärken und Schwächen der Kandidaten gnadenlos auf. Gegen Peking schlugen dabei vor allem gravierende Verletzungen von Menschenrechten zu Buche, weshalb in einer Reaktion auf die Entscheidung die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" China auffordete, seine grundlegende Achtung der Menschenrechte zu beweisen. In den vergangenen drei Monaten wurden in China laut Amnesty fast 1800 Menschen hingerichtet.

Doch die IOC-Mitglieder beeindruckte diese Zahl offenbar ebenso wenig wie die von den Gutachtern monierten Umweltprobleme. Für Peking spricht ihrer Meinung nach vor allem die große Unterstützung in der Bevölkerung und die Tatsache, dass China ein attraktiver Wachstumsmarkt für Sponsoren ist.

Nach der Entscheidung für Peking haben überall in Kanada enttäuschte Befürworter der Bewerbung Torontos ihrem Ärger Luft gemacht. Im Zentrum der kanadischen Wirtschaftsmetropole reagierten viele der rund 15 000 Menschen, die am Freitag unter freiem Himmel die Live-Übertragung aus Moskau verfolgten, mit "Pfui"-Rufen. "Peking war einfach zu stark", sagte Kanadas IOC-Mitglied Paul Henderson. Die Chinesen hätten "sich einfach keine Fehler geleistet". Der Vorsitzende des Bewerberkomitees von Toronto, John Bitove, räumte ein, dass die Präsentation Pekings in Moskau deutlich besser war als die Darbietung der kanadischen Delegation.

Auch in Frankreich reagierte man enttäuscht. Der französische Premierminister Lionel Jospin sagte während seines Rückflugs aus Moskau: "Wir hatten eine gute Bewerbung und wir haben uns auch gut präsentiert." Doch Peking hätte etwas anderes vorzuweisen. "China repräsentiert ein Fünftel der Menschheit und hatte die Spiele noch nicht." Das seien Argumente, die zählten.

Paris scheiterte vor allem an taktischen Erwägungen der Europäer. Wäre die Stadt aus dem Gezerre als Sieger hervorgegangen, hätten Briten und Deutsche ihre Träume für 2012 begraben müssen. Ebenso die russischen Gastgeber, die auf eine zweite Chance nach 1980 hoffen. Und nach Lage der Dinge durchaus eine bekommen werden. Wegen des Einmarschs der Sowjets in Afghanistan blieben fast alle westliche Athleten den Spielen in Moskau im Sommer 1980 fern. Die sozialistischen Bruderländer boykottierten vier Jahre später die Spiele von Los Angeles. Ausbaden mussten es immer die Sportler. Wegen mangelnder Konkurrenz war die Ausbeute an Rekorden beide Male so mager wie nie zuvor in der Geschichte Olympias. Das vergaß der noch amtierenden IOC-Chef Juan Antonio Samaranch beim Empfang durch den russischen Präsidenten Putin im Kreml nicht zu erwähnen. Ebenso die "gute Organisation der Spiele."

Die für heute auf Vorschlag von Samaranch geplante Enthüllung einer Gedenktafel für die Spiele von Moskau schmeichelte den Russen offenbar so, dass sie den Marques aus Barcelona unter dem Namen Iwan Antonowitsch bereits zu einem der Ihren erklärten.

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