Sport : Olympia 2012: Moskau übt schon

Elke Windisch

300 Reporter waren bei der letzten Session des Internationalen Olympischen Komitees dabei, als die Vergabe der Winterspiele an Turin beschlossen wurde. Diesmal haben sich mehr als 3000 angesagt. Aus gutem Grund, denn die 112. IOC-Tagung hat zwei strategische Entscheidungen zu fällen: Am heutigen Freitag müssen sich die 122 aus den Nationalen Olympischen Komitees entsandten Damen und Herren festlegen, wer die Sommerspiele im Jahr 2008 ausrichten darf. Und am Montag steht die Wahl des Nachfolgers von IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch an.

Top-Favorit unter den fünf Bewerbern für 2008 ist Peking, das bei der Bewerbung für die Spiele im Jahr 2000 Sydney unterlegen war. Paris und Toronto haben Chancen, Istanbul und Osaka gelten als krasse Außenseiter, seit ihnen ein Gutachten der IOC-Evaluierungskommission vom Mai dieses Jahres Verkehrschaos und finanzielle Probleme vorhielt. Türken und Japaner reisten dennoch mit einem Tross von je 250 Werbern an und mit dem Mut der Verzweiflung: "Kein Athlet geht in den Ring, ohne an seinen Sieg zu glauben", sagt der Chef des türkischen Vorbereitungskomitees, Yalcin Aksoy. Reporter und Fotografen strafen ihn und seinen Landsmann, den Ringer Naim Süleymanoglu, allerdings mit Nichtachtung.

Außerhalb des IOC hat China nicht allzu gute Karten. Gegen die Vergabe der Spiele nach Peking protestierten unter anderem Abgeordnete des US-amerikanischen Kongresses, russische Menschenrechtsgruppen und Aktivisten von Untergrundorganisationen des nach Unabhängigkeit strebenden Tibet. Wenn das IOC für Peking votiere, stelle es sich offen auf die Seite autoritärer Regime, die Andersdenkender brutal unterdrücken, warnte der Vorsitzende des tibetischen Kultur- und Informationszentrums in Moskau, Ngawang Gelek, auf einer Pressekonferenz, die Moskau unter dem Druck der Botschaft Chinas, Russlands strategischem Partner, im letzten Moment absagen wollte. Nach Intervention Pekings verweigerte die russische Botschaft in Washington auch dem chinesischen Dissidenten Wei Jingsheng das Einreisevisum und ersuchte Tibets relegiöses Oberhaupt, den Dalai Lama, auf die Teilnahme an den Protesten in Moskau zu verzichten. Der Dalai Lama hatte sich zuletzt nach anfänglicher Sympathie gegen die Spiele in Peking ausgesprochen.

Am Mittwoch jagte die Polizei eine nicht genehmigte Protestaktion des tibetischen Jugendkongresses in Europa nach wenigen Minuten auseinander, noch bevor die Teilnehmer ihr Transparent an der Moskwa, gegenüber dem Hotel "Mezhdunarodnaya", wo das IOC tagt, überhaupt entrollen konnte. Für heute ist eine Wiederholung der Aktion geplant. Tibetische Extremisten haben IOC-Mitgliedern, die für Peking stimmen, zudem mit Anschlägen gedroht. Der russische Menschenrechtler Sergej Kowaljow zog sogar Parallelen zur Vergabe der Spiele 1936 an Nazideutschland.

Für Moskau ein Grund mehr, die rigiden Sicherheitsvorkehrungen weiter zu verschärfen und damit auch schon einmal Punkte für die beabsichtigte eigene Kandidatur im Jahre 2012 zu sammeln. Zwar war Moskau schon 1980 Gastgeber der Sommerspiele, doch die meisten westliche Athleten blieben damals wegen der Afghanistan-Intervention fern.

Nun hoffen Sportler und Politiker auf eine zweite Chance für Moskau. Allein die Tatsache, dass die Stadt an der Moskwa Gastgeber der IOC-Tagung ist, wertet der Pressesprecher des russischen nationalen Olympischen Komitees, Gagik Karapetjan als "verheißungsvoll". Ebenso, dass Wladimir Putin IOC-Mitglieder und Ehrenmitglieder sowie die Präsidenten der Weltsportverbände gestern im Kreml empfing. Im russischen Fernsehen meldete diese Tage daher eine abgespeckte Pastell-Version des Cybergirls Lara Croft Ansprüche Moskaus schon mit einem Slogan an, der männlicher Phantasie viel Spielraum lässt: "Ich bin bereit."

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