Olympia 2016 in Rio : Freiwasserschwimmen: Sturm im Pool

Isabelle Härle und Christian Reichert haben das gleiche Ziel: Sie wollen unter die besten Zehn. Beide hoffen aber auf sehr unterschiedliche Bedingungen.

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Mag es im Wasser lieber ruhig: Isabelle Härle.
Mag es im Wasser lieber ruhig als stürmisch: Isabelle Härle.Foto: Martin Schutt/dpa

Ein ordentlicher Wetterumschwung wäre jetzt schön, am besten sogar zwei. Für die olympischen Wettbewerbe im Freiwasserschwimmen an der Copacabana haben die beiden deutschen Starter sehr unterschiedliche Vorstellungen. Isabelle Härle wünscht sich für das Frauen-Rennen am heutigen Montag Flaute, für Christian Reichert können die Wellen bei seinem Start am Dienstag gar nicht hoch genug sein. „Perfekt wäre es so: Bedingungen wie in einem Pool am Montag – und dann am Dienstag ein Sturm, bei dem keiner mehr stehen kann“, sagt Reichert.

Der 31-Jährige ist als Freiwasserschwimmer groß geworden, Härle ist erst spät vom Becken auf die Marathon-Distanz gewechselt. Wirklich verliebt hat sie sich an das raue Treiben im kalten Wasser aber nie. Das Schwimmen im Freiwasser sei ihr „immer noch suspekt“, sagt die 28-Jährige, an die Wellen und das Gedrängel an den Wendebojen hat sie sich nicht gewöhnen können.

Immerhin muss sie sich in Rio de Janeiro mit weniger Konkurrentinnen herumschlagen als sonst: Bei Weltcup-Rennen gehen 60 bis 70 Teilnehmerinnen an den Start, bei Olympia ist das Feld auf 25 beschränkt. „Je weniger, desto besser“, sagt Härle. „Dann muss ich mich nicht so sehr prügeln.“ Reichert vertritt natürlich die exakte Gegenposition: „Je härter es zugeht, desto besser ist es für mich.“

Die Brandung riss die Startplattform aus der Verankerung

Mit spiegelglatter See ist an der Copacabana nicht zu rechnen. Zurzeit klatschen kräftige Wellen an den Lieblingsstrand der Cariocas, der Einwohner Rios. In der Nacht zu Samstag riss die Brandung die Startplattform für die Rennen auf dem 10-Kilometer-Rundkurs aus ihrer Verankerung. Für den unverwüstlichen Reichert kein Grund zur Sorge: „Es ist doch völlig uninteressant, was da nachts passiert. Selbst wenn die Plattform von einem Hai zerfressen worden wäre, wäre mir das egal.“

Weil kein Training im Meer möglich war, hat Härle bis 24 Stunden vor ihrem Start weder den Strand gesehen noch eine Zehenspitze ins Wasser gehalten. Stattdessen trainierten die Freiwasser-Starter im Pool, vom Debakel der deutschen Beckenschwimmer bekamen sie nur wenig mit. Man habe im olympischen Dorf „absolut antizyklisch“ gelebt, sagte Reichert, „wenn wir trainiert haben, haben die geschlafen. Und wenn die abends vom Wettkampf kamen, lagen wir im Bett.“

Das Wasser im offenen Meer ist sauberer als in der Bucht

Im Gegensatz zu den Seglern bereitet die Wasserqualität Reichert und Härle keine Sorgen. Das Wasser im offenen Meer vor der Copacabana ist nicht annähernd so verdreckt und toxisch wie in der Guanabara-Bucht, in der gesegelt wird. „Wenn die Brasilianer die Copacabana so verschmutzen würden, hätte sich das mit dem Tourismus ganz schnell erledigt“, sagt Härle. Die beiden Schwimmer sind ohnehin Schlimmeres gewohnt. „Nach Rennen in China oder auch in Argentinien werden die Schwimmer reihenweise krank“, sagt Reichert, für Rio seien keine besonderen Schutzmaßnahmen oder Impfungen erforderlich gewesen.

Schwerer wiegt für Härle und Reichert die Abwesenheit ihres großen Vorbilds. Die Freiwasser-Legende Thomas Lurz hat vor einem Jahr seine Karriere beendet, weil er sich im Alter von 36 Jahren nicht mehr zutraute, in Rio um Gold zu kämpfen. Vor vier Jahren in London hatte der Rekordweltmeister mit Silber die Bilanz der deutschen Schwimmer noch ein wenig aufhübschen können. „Natürlich fehlt uns Thomas“, sagt Christian Reichert. „Er wäre eine sichere Medaillenbank.“

Reichert und Härle streben eher eine Platzierung unter den Top Ten als eine Medaille an. Es sei denn, der Atlantik vor Rio erwischt zwei sehr launische Tage.

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