Olympia-Exoten : "Nirgendwo sonst läuten Kuhglocken"

Der äthiopische Langläufer Zeimichael Robel Teklemariam spricht im Interview über seine Begeisterung für den Wintersport, seinen kaputten Skistock und Snowboardlehrer aus Thailand.

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Zeimichael Robel Teklemariam, 35, belegte im Rennen über die 15 Kilometer Freistil den 93. Platz bei 95 Startern. In Turin war er...AFP

Herr Teklemariam, sind Sie zufrieden mit dem 93. Platz von 95 Startern im Langlauf über 15 Kilometer?

Überhaupt nicht. Ich hatte Probleme mit der Schlaufe meines Skistocks. Sie ist einfach abgegangen. Es war ein neues Paar, das ich hier erst gekauft habe. Ich musste den Stock in der Hand festhalten, das hat mich eine Weile beschäftigt. Bis zur Fünf-Kilometer-Marke hatte ich nicht den richtigen Stock.

Wo haben Sie dann den richtigen Stock herbekommen?

Das waren einige Trainer aus anderen Ländern an der Seite. Irgendwann hat mir einer den Stock mit der richtigen Größe gegeben.

Wie viele haben Sie ausprobiert?

Erst habe ich einen bekommen, der für die falsche Seite war. Dann habe ich einen bekommen, der für die richtige Seite war, aber viel zu groß. Der dritte war dann der richtige.

Wo bekommen Sie Ihre Ausrüstung her?

Ich habe Sponsoren, die mich ausrüsten. Die Stöcke kaufe ich mir aber selber. Meiner war eigentlich in Ordnung, ich habe ihn hier in Whistler gekauft, er hat 500 Dollar gekostet. Den Namen will ich jetzt nicht nennen. Aber im Rennen ist das Plastikstück abgefallen, das die Schlaufe hält. Da kann man nichts machen.

Sie mussten zuletzt in Äthiopien auf Rollerski trainieren. Wann haben Sie das letzte Mal Schnee gesehen?

Ehrlich gesagt war das ziemlich hart. Ich war drei Wochen lang in Äthiopien ohne Schnee. Das war problematisch. Ich hatte gehofft, am 4. Februar hierher zu kommen und zu trainieren. Aber es hat sehr lange gedauert, bis ich mein Visum für Kanada hatte, deshalb bin ich erst am 11. Februar in Whistler angekommen.

Wollen Sie nach dieser Erfahrung überhaupt noch weitermachen bis Sotschi 2014?

Ich werde versuchen, mich zu qualifizieren und mich zu verbessern. Aber wenn ein anderer Äthiopier kommt und schneller ist als ich, bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Weil das bedeuten würde, dass Langlaufen in Äthiopien wächst.

Was gefällt Ihnen überhaupt am Langlaufen?

Eigentlich mag ich alle Arten von Skifahren. Ein Teil davon ist das hier (zeigt auf drei Schweizer Fans, die riesige Kuhglocken läuten). Ich bin Skilehrer für Alpin und Snowboard, ich liebe es Telemark-Ski zu fahren. Aber das Langlaufen passt für mich als Äthiopier am besten, weil es eben ein Ausdauersport ist.

Kommt Ihnen dieses Kuhglockenläuten nicht komisch vor?

Ich fahre jetzt mehr als 20 Jahre Ski, ich bin das gewöhnt. Für meine Familie, die mich hier besucht, ist das ein bisschen seltsam. Aber das liebe ich am meisten an der Skikultur: Sie hat etwas Einzigartiges. Sie werden kein Autorennen finden, bei dem irgendeiner mit Kuhglocken läutet. Ich mag auch die Gemeinschaft der Langläufer. Außerdem bin ich ein Bergsportler, Äthiopien hat auch Berge.

Wie haben Sie mit dem Langlaufen angefangen?

Ich bin in ein Internat im US-Bundesstaat New York gegangen. Auf der anderen Straßenseite meiner Schule lag der Mount Van Hoevenberg, dort gibt es 50 Kilometer Langlaufloipe. Am Nachmittag sind wir Skilaufen gegangen, am Abend waren wir wieder in der Schule. Für mich ist Skifahren normal.

Was machen Sie eigentlich hauptberuflich?

Ich bin Sportmanager beim Club Mediterranee. In diesem Sommer war ich in Tunesien, davor war ich in Japan, davor in der Karibik. Alle sechs Monate wechsle ich den Ort. Aber meine Basis liegt in Äthiopien.

Können Sie in den Klubs überhaupt Langlaufen trainieren?

Ja, in den letzten drei Wintern habe ich in einem Resort auf der Nordinsel Japans gearbeitet. Dort gibt es zehn Kilometer Langlaufloipen vor dem Hotel. Ich habe dort die Skischule gemanagt und Snowboard- und Skifahren gelehrt.

Was sagen denn die Leute, wenn ein Äthiopier Ihnen das Skifahren beibringt?

Am Anfang gucken sie etwas seltsam. Aber sie merken schnell, dass ich meine Skilehrerlizenz nicht geschenkt bekommen habe. Ich weiß, wie man es macht. Einmal habe ich in Copper Mountain, Colorado, mit einem Paar aus Österreich gearbeitet. Irgendwann habe sich mich gestoppt und gesagt: Wir müssen jetzt unbedingt ein Foto machen, bevor wir es vergessen.

Warum war das so wichtig?

Sie haben gesagt, wenn wir nach Österreich zurückkommen, glaubt uns kein Mensch, dass wir einen äthiopischen Skilehrer mit Rastalocken hatten, der uns den Berg hoch- und runtergescheucht hat. Aber ich kenne Skilehrer aus Brasilien, Argentinien und Chile. Und es gibt einen unglaublich guten Snowboardlehrer aus Thailand. Es wird immer selbstverständlicher, Menschen außerhalb der normalen Sportarten ihres Landes zu sehen.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt.

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