Olympia-Historie : Am Anfang war der Militärpatrouillenlauf

1924 fanden im französischen Chamonix die ersten Olympischen Winterspiele statt – seither hat sich fast alles verändert.

von
324971_0_8713905d.jpg
So war das früher. Bei den Olympischen Winterspielen 1932 in Lake Placid wurde Eishockey noch unter freiem Himmel gespielt. -Foto: p-a/United Archives

Nur drei Gegentore bekommt Kanada im gesamten Turnierverlauf – bei 110 geschossenen Toren zweifelsfrei eine Glanzleistung. Auch Gegner USA muss bei 73 Treffern nur sechs Mal hinnehmen, dass der Puck im eigenen Tor einschlägt. Im Finale besiegt Kanada die USA. Die europäischen Teams sind völlig chancenlos. Nein, hier geht es nicht um das aktuellen Eishockeyturnier der Frauen in Vancouver (unter Vorwegnahme des möglichen Finalausgangs). Es ist eine Kurzbeschreibung des Turniers der Männer bei den ersten offiziellen Olympischen Winterspielen 1924 in Chamonix. Seither hat sich nicht nur im Eishockey einiges getan.

Bereits 1920 hatte es im Rahmen der Sommerspiele in Antwerpen ein Demonstrationsturnier im Eishockey gegeben. Im selben Jahr nahmen, wie schon 1908, die Eiskunstläuferinnen an den Sommerspielen teil. Erst die 1924 in Chamonix ausgetragenen Wettkämpfe sollten aber nachträglich als die ersten Olympischen Winterspiele gewertet werden. „Der Skisport hatte sich weiterentwickelt“, erzählt Gerd Falkner, Direktor des Deutschen Skimuseums in Planegg. Die Entscheidung, neben Olympia im Sommer auch Winterspiele durchzuführen, war bereits vor dem Ersten Weltkrieg getroffen worden, die Spiele hätten 1916 am Feldberg in Deutschland durchgeführt werden sollen. „Bis heute gilt aber die Regel des IOC, keine Spiele in kriegsführende Länder zu vergeben“, erklärt Falkner. Aus diesem Grund fielen später auch die Spiele im Jahr 1940 aus.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) beschloss nach dem Ersten Weltkrieg, die Sportarten zu erweitern und im Rahmen der Sommerspiele in Paris auch eine sogenannte „internationale Wintersportwoche“ durchzuführen. So erfolgreich, dass das IOC zwei Jahre später beschloss, die Wettbewerbe von Chamonix rückwirkend als erste Olympische Winterspiele anzuerkennen und fortan im Jahr der Sommerspiele auch Winterwettbewerbe durchzuführen. Erst seit 1994 finden sie im zweijährigen Wechsel statt.

1924 wurden nur 16 Wettbewerbe ausgetragen

Eishockey war folglich von erster Stunde an bei Olympia dabei – damals noch unter freiem Himmel. Auch sonst entsprachen die Bedingungen für die Spiele 1924 nicht ansatzweise jenen, die heute im Dauersendeeinsatz von tausenden Medienvertretern über die Welt verbreitet werden. Nur 16 Wettbewerbe wurden ausgetragen, außer Eishockey gehörten Bob, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Ski Nordisch und Curling dazu. Curling wurde danach noch ein paar Mal als Demonstrationswettbewerb durchgeführt, jedoch erst 1998 fest ins olympische Programm integriert. Und 1924 gab es noch einen dieser Demonstrationswettbewerbe: den Militärpatrouillenlauf. „Die Biathleten hören es nicht gern, wenn man sie in diese Traditionslinie stellt“, sagt Falkner. „Aber natürlich ist ihr Sport daraus entstanden.“ 1960 in Squaw Valley wurde schließlich die heutige Form des Biathlons ins olympische Programm aufgenommen, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied, wie Falkner erklärt: „Damals schossen sie noch mit Großkaliber.“ Erst seit 1980 wird mit den heutigen Kleinkaliberwaffen geschossen.

Biathlon ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Anzahl der olympischen Wettbewerbe über die Jahre vervielfacht hat. Wurde 1960 lediglich eine Medaille im Einzelrennen der Männer vergeben, so werden in der populären Kombination aus Langlauf und Schießen in Vancouver zehn Siegerehrungen vorgenommen. Nicht nur kamen 1992 die Frauen hinzu, auch immer neue Disziplinen folgten. Insgesamt hat sich die Anzahl der Disziplinen seit den ersten Spielen mehr als verfünffacht. 86 sind es in Vancouver, wo die Disziplin Skicross ihre spektakuläre Premiere feierte, nachdem bereits die Aufnahme der verschiedenen Snowboarddisziplinen 1998 in Nagano für frischen Wind und viel Wirbel gesorgt hatte.

Andere Wettbewerbe wie Schlittenhunderennen (1932) und Skiballett (1988 und 1992) setzten sich nicht durch. Wieder andere entwickelten sich spektakulär weiter, am krassesten war wohl die Umstellung der Skispringer von der parallelen auf die V-Technik, die sich ab 1984 sehr schnell durchsetzte, ebenso wie die Entwicklung des Skatingstils beim Langlauf, der die klassische Technik wohl ebenfalls verdrängt hätte, hätte das IOC nicht 1988 beschlossen, beide Techniken in verschiedenen Wettkämpfen zu integrieren.

Und natürlich kämpfen immer noch Sportarten um die Aufnahme ins olympische Programm. Jüngst haben es die Skispringerinnen vergeblich versucht. Über den Sinn anderer Wettbewerbe wird diskutiert. In Vancouver vor allem über das Eishockey der Frauen. Den Spielerinnen könnte jedoch der Vergleich mit 1924 Hoffnung machen. Vielleicht entwickelt sich ja auch ihr Sport so weiter, dass irgendwann ein spannender Wettbewerb entsteht.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben