Sport : Olympia im Osten

Leipzig schlägt Hamburg im letzten Wahlgang und bewirbt sich für die Spiele 2012 / Rostock siegt als Segelstandort

Robert Ide

München. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder um 16.38 Uhr den Zettel in die Hand nahm, war es still im Versammlungssaal des Münchner Hilton Hotels. „Der Gewinner ist Leipzig“, las Schröder vor, und mitten im letzten Wort unterbrach ihn ein Schrei aus vielen Kehlen. In einer Ecke des Saals sprangen Männer im dunklen Anzug und Frauen in kurzen Röcken in die Höhe und jubelten. In der anderen gab es Pfiffe. Leipzig ist der deutsche Kandidat für die Olympischen Spiele 2012, das entschied das Nationale Olympische Komitee (NOK) am Samstagnachmittag. Zuvor wurde mit Rostock ebenfalls eine ostdeutsche Stadt als Segelstandort nominiert. Der Außenseiter Leipzig hat sich durchgesetzt im Rennen von fünf Städten, im entscheidenden Wahlgang hatte der Favorit Hamburg das Nachsehen. „Jetzt geht es ums Ganze", sagte Klaus Steinbach. Schröder sagte: „Das ist eine Bewerbung für ganz Deutschland.“

Die wirtschaftlich und politisch starke Rhein-Ruhr-Region, die sich mit Hamburg einen erbitterten Zweikampf geliefert hatte, war im vorletzten Wahlgang ausgeschieden. In den ersten Wahlgängen mussten sich Stuttgart und Frankfurt am Main verabschieden. Nun beginnt für den Sieger das internationale Rennen um das größte Sportereignis der Welt. Die Konkurrenz ist mit Metropolen wie New York, Madrid, Paris, London, Moskau und wohl auch Rio de Janeiro stark. Das aber tat dem Jubel in Leipzig keinen Abbruch. „Das ist ein grandioser Tag für Deutschland", jubelte Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee.

Wedels Film fiel aus

Zuvor hatte die olympische Familie eine bunte Show gesehen, die Bewerberstädte präsentierten sich am Samstag mit einem jeweils 15-minütigen Programm. Mit Prominenten, mit Politikern, mit Kindern, mit bunten Videos. Oft gab es spontanen Applaus, manchmal ein Lachen. Der Favorit Hamburg setzte sich als erstes in Szene, allerdings nicht wie vorgesehen mit einem Film von Starregisseur Dieter Wedel. Der war bei einer internen Voraufführung durchgefallen. „Einigen Beobachtern aus den Sportfachverbänden war zu viel Tingeltangel in dem Streifen", sagte Karl-Heinz Blumenberg von der Hamburger Bewerbungsgesellschaft entschuldigend. Der Ersatzfilm konzentrierte sich auf das Sportliche und das Internationale, auf die kurzen Wege zwischen den Sportstätten, auf die Spiele am Wasser und, ganz kurz, auf das Nachtleben von St. Pauli.

Auch Frankfurt am Main, der neben der Hansestadt international bekannteste Bewerber, setzte auf Bilder von der großen weiten Welt. Dazu präsentierte die Stadt jubelnde Menschen aus der Frankfurter Innenstadt, einen eingeblendeten Segen von Kardinal Karl Lehmann und ein paar warme Worte des Schriftstellers Sir Peter Ustinov. Der kam allerdings erst auf die Bühne, als die vorgeschriebene Zeit für Frankfurt vorüber war und wurde deshalb aufgefordert, sogleich wieder zu gehen. So erging es später der ganzen Bewerbung.

Nach der soliden Vorstellung der Stuttgarter Pläne setzte die von Düsseldorf angeführte Rhein-Ruhr-Region auf Menschliches. Reiterin Isabell Werth und Schwimmer Thomas Rupprath beeindruckten mit Charme, Witz und persönlicher Begeisterung. „In Nordrhein-Westfalen schlägt das sportliche Herz Deutschlands“, das war die Botschaft der Rhein-Ruhr-Region. Im Prüfbericht des NOK, der die Qualität der Bewerber bewertet hatte, war Düsseldorf allerdings wegen der weiten Wege zwischen den Sportstätten und der Olympiagegner noch schlecht weggekommen. Dieser Rückstand war nicht mehr aufzuholen.

Dann kam Leipzig. Mit Bildern von der Berliner Mauer, mit einem musizierenden Bürgermeister Wolfgang Tiefensee und dem extra aus Paris eingeflogenen Dirigenten Kurt Masur. Sogar der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker kam auf die Bühne, um dem ostdeutschen Außenseiter zum Sieg zu verhelfen. „Wir Leipziger glauben an ein zweites Wunder", rief Tiefensee. Er traf damit den Ton bei den Funktionären.

In der Nacht vor der Entscheidung hatte sich die nationale olympische Familie zum Empfang auf zwei Etagen getroffen. Zum Essen und zum Kungeln. Zwischen den Funktionären drängten sich die Bürgermeister der Städte und die Ministerpräsidenten, um noch einmal Werbung zu machen. „Woran erkenne ich denn, wer stimmberechtigt ist?“, fragte Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth ihre Mitarbeiter. Zuvor hatte sie zehn Minuten auf den ehemaligen Springreiter Alwin Schockemöhle eingeredet, er möge doch für Frankfurt stimmen, wenn Hamburg vorzeitig ausscheiden sollte. Doch der antwortete nur: „Ich darf gar nicht mitwählen. Ich bin hier nur Gast.“

Wie auf einem Parteitag

Und so kam es, wie es kommen musste. Die Politiker und Funktionäre drehten ihre Runden ums Buffet, redeten sich gegenseitig zu. „Frankfurt spielt auf Augenhöhe mit New York“, sagte Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Hamburgs Stadtchef Ole von Beust bemühte sich nach dem öffentlichen Streit zwischen seiner Stadt und Düsseldorf um Understatement: „Das ist doch wie auf einem Parteitag“, sagte der Politiker. „Vor der Wahl versprechen dir alle ihre Stimmen, es sind so viele, dass du 90 Prozent haben müsstest – am Ende hast du plötzlich zehn Prozent und wunderst dich.“ Die Umstehenden nickten.

Zweifel, Spekulationen, Angst – so war die Stimmung vor der Wahl. Als die Show vorbei war, gab es nur einen jubelnden Gewinner. Die vielen Reden der Vorwochen von Fairness, die Unterzeichnung eines gegenseitigen Stillhalteabkommens bei Bundespräsident Johannes Rau, all das war im Moment der Entscheidung vergessen. „Alle für einen, einer für alle“ – dieses Motto hatte Olympiachef Klaus Steinbach den Teilnehmern noch einmal eingeschärft. Seine Vision lautete: Es gibt einen großen und vier kleine Gewinner. Doch draußen vor dem Versammlungssaal schüttelte so mancher Funktionär den Kopf. „Das ist doch Traumtänzerei“, sagte etwa der umstrittene deutsche Kanu-Chef Ulrich Feldhoff, der sich für Düsseldorf eingesetzt hatte und deshalb auf sein Stimmrecht verzichten musste. „Bei Kanurennen habe ich noch nie vier zweite Plätze gesehen.“

Und so kommt es vielleicht, wie es nicht kommen soll. Es könnte Streit geben. „Wenn er nur ein paar Tage dauert und sich danach alle einig sind, hat Deutschland international eine Chance“, sagte ein Sportfunktionär zum Abschied. Und wenn es länger dauert? „Dann haben wir hier alle ein Problem.“

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