Sport : Olympia in Berlin: "Wir gehen 2012 ins Rennen"

Herr Hanisch[ein Standardsatz dieser Tage besagt]

Herr Hanisch, ein Standardsatz dieser Tage besagt, dass die Welt seit dem 11. September eine andere ist. Gilt das auch für den Sport?

Ja. Viele Vereine rufen uns an, weil sie alles absagen wollen. Doch es gibt auch Sportler, die nicht zu Hause trauern wollen, sondern lieber raus gehen und Sport treiben. Bei uns ist eine große Nachdenklichkeit eingekehrt. Ich denke, der Sport muss sich zurücknehmen. Einige Fans beim Fußball und beim Eishockey müssen das noch lernen. Wir müssen ihnen klar machen, dass es nicht immer nur ums Toreschießen geht.

Um was geht es sonst?

Um Trauer, Solidarität. Der Sport hat da eine pädagogische Aufgabe. Beim Berlin-Marathon haben wir Geld für die Feuerwehrleute in New York gesammelt. Und das Motto hieß "Run for Peace", Laufen für den Frieden.

Stichwort New York: Wenn sich die Stadt um die Olympischen Spiele 2012 bewerben sollte, müssten dann nicht alle deutschen Bewerber ihre Avancen zurückziehen?

Man sollte diese Frage erst beantworten, wenn sie sich stellt. Wir hätten kein Problem damit, für New York zurückzustecken. Allerdings nur, wenn die anderen deutschen Bewerber das auch tun.

Halten Sie weiterhin an einer Berliner Bewerbung fest?

Ja. Olympische Spiele sind ein gewaltiger Entwicklungssprung für eine Stadt. München hat seinen Autobahnring den Olympischen Spielen zu verdanken, auch die U-Bahn wurde damals gebaut.

Aber Berlin hat kein Geld ...

Das stimmt. Deshalb wollen wir für die Ausscheidungsrunde innerhalb Deutschlands keine öffentlichen Mittel ausgeben. Die Berliner Wirtschaft hat uns versprochen, die benötigten zwei Millionen Mark für die erste Runde bereitzustellen.

Sind Sie sicher, dass zwei Millionen reichen?

Wir wollen versuchen, uns zu bescheiden. Die Zeit der Großmannssucht ist endgültig vorbei. Olympia muss nicht immer größer und teurer werden, goldene Türklinken wird es bei unserer Bewerbung nicht geben. Abgesehen davon fangen wir ja nicht bei null an. Wir haben die Bewerbung für 2000 noch vorliegen, die muss nur ergänzt werden. Wir haben mit dem Velodrom, der Max-Schmeling-Halle und der Schwimmhalle an der Landsberger Allee drei olympiareife Sportstätten. Und das Olympiastadion ist auch bald fertig. Für die internationale Bewerbung müssen sich aber Land und Bund zusätzlich engagieren, das ist klar.

Für welche Spiele wollen Sie sich eigentlich bewerben: 2012 oder 2016?

Eigentlich wollten wir 2016 antreten. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit war dafür. Doch das Nationale Olympische Komitee wird wohl am 3. November beschließen, dass ein deutscher Kandidat für 2012 ins Rennen gehen soll. Außerdem gibt es eine Vorlage, nach der ein deutscher Kandidat, der 2012 international scheitern sollte, vier Jahre später wieder unterstützt wird. Wenn wir also die Spiele 2016 haben wollen, müssen wir schon 2012 ins Rennen gehen. Und das werden wir auch tun.

Der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, hat Berlin empfohlen, nach der gescheiterten Bewerbung 2000 nun anderen den Vortritt zu lassen. Und nach Einschätzung von Beobachtern liegen das Ruhrgebiet und die Region Stuttgart viel besser im Rennen als Berlin.

Wir sind eine auch in Japan, Brasilien und Kanada bekannte Metropole. Das ist unser Vorteil. Außerdem ist unser Umland hervorragend für Wettbewerbe geeignet. Ruder- und Kanu-Rennen könnten in Brandenburg stattfinden, Segeln in Warnemünde. Ich will auch nicht ausschließen, dass wir einige Spielsportarten in Leipzig austragen. Mit dem ICE kann man in 45 Minuten dort sein. Eine Bewerbung wäre ein Aufschwungsignal für ganz Ostdeutschland. Selbst wenn sie scheitert, hätte sie etwas gebracht.

Aber auch etwas gekostet ...

Die Stadt muss wissen, dass es kein Olympia ohne entsprechende Rahmenbedingungen gibt. Dazu gehört die Förderung des Breitensports. Der Sport muss endlich mit gleichem Nachdruck gefördert werden wie die Kultur. Bei den Sportstätten haben wir einen Sanierungsstau von zwei Milliarden Mark. Aber bislang stehen uns pro Jahr vom Land nur 50 Millionen Mark zur Verfügung. Wenn man alle anderen Töpfe dazurechnet, kommen wir höchstens auf das Doppelte.

Wenn man sich die Wahlprogramme der Parteien ansieht, dürfte der Stau noch größer werden. Alle wollen am Sport sparen.

Wir wollen unseren Beitrag leisten. Unsere Betreuer werden Sporthallen länger offen halten. Wir haben 500 Schlüsselverträge mit den Bezirken geschlossen. Das heißt: Wir machen die Aufsicht, das kostet die Stadt nichts. Im Gegenzug brauchen die Vereine die kostenlose Nutzung der Sportstätten.

Die Sparlisten der Parteien liegen vor. Die Grünen wollen etwa keine Vorzugsgrundstücke mehr an Sportvereine verkaufen. Auch der Umzug eines Schießsportvereins soll nicht mehr von der Stadt bezahlt werden.

Der Landessportbund ist zwar überparteilich, aber nicht unpolitisch. Deshalb werden wir uns gegen Vorschläge der Grünen wehren, die die Vereine benachteiligen. Schließlich arbeiten wir gemeinnützig, machen Jugendarbeit. Die Grünen scheinen das nicht genügend zu würdigen, vielleicht haben die auch ein Problem mit unserer Vereinskultur.

Warum sollten reiche Segelklubs für ein Wassergrundstück nicht mehr zahlen als ärmere?

Wir wollen keine Willkür, sondern Gleichbehandlung. Segeln oder auch Reiten sind kostenintensive Sportarten. Die Vereine haben zwar einen hohen Umsatz, aber die geben alles wieder für Sportgerät aus. Die kann das Land nicht zusätzlich zur Kasse bitten. Der Spardruck darf nicht zum Vorwand werden, Ungerechtigkeiten zu schaffen.

Und was spricht dagegen, Profivereine wie Hertha BSC stärker zur Kasse zu bitten? Warum muss etwa die Polizei ein Bundesligaspiel sichern, während der Verein mit der Fernsehvermarktung kräftig kassiert?

Wir sind Interessenvertretung des Amateursports. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, Profivereine wie Konzertveranstalter zu behandeln. Aber bislang werden auch Popkonzerte noch von der Polizei gesichert.

Wünschen Sie sich angesichts der derzeitigen Diskussionen die Große Koalition zurück?

Nun, ich will nicht verhehlen, dass wir mit der Großen Koalition gut gefahren sind. Auch mit dem rot-grünen Senat von Klaus Wowereit gab es bislang keine Probleme.

Haben Sie Angst vor einer Regierungsbeteiligung der PDS?

Nein. In sportpolitischen Fragen steht uns die PDS sehr nahe.

Wo bleiben die Sparvorschläge des Sports?

Sparen darf kein Selbstzweck sein. Eines möchte ich mal klarstellen: Wir sind keine Subventionsempfänger. Sportförderung ist nur Hilfe zur Selbsthilfe. Im Berliner Sport gibt es 56 000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Berechnen Sie denen mal 20 Mark pro Stunde, dazu Wochenendzuschläge. Manchmal glaube ich, dass die Berliner Politik nicht begriffen hat, was für ein Gewinn wir sind.

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