Olympia in Warnemünde? : Jenseits der Mittelmole

Warnemünde will zum dritten Mal olympisches Segelrevier werden. Dabei setzt die Stadt Rostock voll und ganz auf Berlin – mit dem Risiko, ein drittes Mal bei einer Olympiabewerbung zu scheitern.

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Planwirtschaft. So wie in dieser Simulation könnte der Olympia-Segelhafen in Rostock-Warnemünde aussehen – wenn er denn überhaupt kommt. Foto: picture alliance / dpa
Planwirtschaft. So wie in dieser Simulation könnte der Olympia-Segelhafen in Rostock-Warnemünde aussehen – wenn er denn überhaupt...Foto: picture alliance / dpa

Olympia hat sich im Rostocker Rathaus versteckt. Wo ist sie denn nun, die Machbarkeitsstudie für die Ausrichtung der Segelwettbewerbe in Warnemünde bei den Olympischen Sommerspielen 2024 oder 2028? Der Pförtner spricht: „Moin, noch bis Freitag, hinten im Foyer.“ In der Ecke haben sie sich versteckt, die elf Schautafeln mit der Machbarkeitsstudie. 50 000 Euro hat sie gekostet, 32 Millionen Euro soll ein – ohnehin geplanter – Umbau am Hafen von Warnemünde kosten, wenn die Spiele kommen. Wenig Geld für den kleinen Teil vom großen olympischen Kuchen. Aber wer weiß, ob daraus etwas wird. Warnemünde sitzt mit Berlin in einem Boot, am Montag fällt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nicht nur das Urteil für Berlin oder Hamburg: Denn anders als der nationale Gegenkandidat hat sich Berlin für einen Segelstandort positioniert. Aber was heißt das schon in Rostock? Die Angst, dass sie zum dritten Mal in zwei Jahrzehnten verlieren mit einer Olympiabewerbung, trübt die Vorfreude auf den nationalen Entscheid.

Berlin 2000, Leipzig 2012 – zweimal schwamm Rostock mit, zweimal ging Rostock mit unter. Bei der ersten Bewerbung, so kurz nach der politischen Wende konnten sie das noch verkraften an der Ostsee, es gab andere Probleme. Doch als 2003 die Spiele 2012 nach London vergeben wurden, war das bitter. Uwe Jahnke, ehemals Vizepräsident des Deutschen Segelverbandes und damals erst Chef und später Vizechef im Olympia-Büro des Rostocker Rathauses, erinnert sich: „Wir hatten einen Olympia-Klub und jeder spielte da in Rostock mit.“ Besonders nachdem der Rostocker Unternehmer Harald Lochotzke die Initiative ergriff, bis ihn dann seine Stasi-Vergangenheit einholte und er abspringen musste. „Man kann halten von ihm, was man will“, sagt Jahnke. „Aber der Mann sprüht vor Ideen. Von Lochotzke kam die Idee: Olympia 2012, das muss man sichtbar machen.“ Und da gab es diese Aktion mit „Hubschrauber, Film und allem Drum und Dran“, erzählt Jahnke. Hunderte von Menschen formierten sich am Warnemünder Strand zu einem blauen Riesenlogo mit weißer und roter Aufschrift der Aktion: „2012 – ich bin ein Rostock-Olymp“. Jahnke sagt: „Die Zustimmung war in Rostock nur eine Formsache, alle waren vom Fieber angesteckt.“ Als es den Zuschlag für die Bewerbung mit Leipzig gab, feierten 10 000 Menschen ein Volksfest in der Rostocker City.

Zwei Mal ist Rostock schon gescheitert - und einmal auch schon mit Berlin

Das war 2003. Zwölf Jahre später liegt neben den Schautafeln der Olympiastudie ein Gästebuch. Ein paar Dutzend Bürger haben sich ausgelassen, Pro und Contra Olympia halten sich die Waage. Die Gegner führen die üblichen Punkte an: zu teuer, Geld für andere Dinge besser angelegt. Die Befürworter kontern mit Euphorie für die Spiele. Im schmucken Ostseebad wird der Kampf der Befürworter mit mehr Engagement geführt. Hans-Jürgen Bohn, Vorsitzender des Warnemünder Segel-Clubs, sagt: „Wir sind froh, dass sich Berlin so eindeutig für uns positioniert hat.“ Klar, die Hamburger waren auch da in Rostock, aber würden ja herumtingeln mit Travemünde oder Kiel. Warnemünde hätten die auch gerne mit in der Verlosung gehabt, aber „das mit dem Norden, der zusammenhalten muss“, hält Bohn, Vater von Segelweltmeisterin und Olympiateilnehmerin Ines Pingel, für „Quatsch“.

Noch Parkplatz - bald Olympisches Dorf? Die Freifläche auf der Warnemünder Mittelmole. Foto: Claus Vetter
Noch Parkplatz - bald Olympisches Dorf? Die Freifläche auf der Warnemünder Mittelmole.Foto: Claus Vetter

Das Segeln in Warnemünde will Olympia. Weil sich die Segler um ihr Revier „Am Alten Strom“, die Mittelmole, sorgen: Die „Wiro“, größtes kommunales Wohnungsunternehmen in Rostock, hat auf der Mole mehrere Grundstücke erworben, momentan betreibt sie die Brachfläche als Parkplatz. Irgendwann soll dort gebaut werden. Wohnungen in bester Lage. Oder eben das Olympische Dorf – wäre ein Vorteil für den Sport, ein Nachteil für Immobiliengeschäft und Tourismus: Das Dorf dürfte erst nach den Spielen von anderen bezogen werden. Von Olympia ist allerdings auf der Mittelmole keine Spur zu sehen, an der Parkplatzeinfahrt prangt ein Riesenschild, auf dem steht: „Unsere Kollegen sind gerade auf Rundgang.“

Olympische Vorfreude könnte anders aussehen. Jürgen Bohn sagt: „Wir als Segler sind uns einig. Aber die Stadt ist zweigeteilt, wie das Land politisch zweigeteilt ist. Und wir sind in Mecklenburg und Mecklenburg ist sowieso etwas langsamer.“ Man müsse den Menschen die Angst vor Olympia nehmen. Er sei bei Erstellung der Machbarkeitsstudie dabei gewesen, als Vereinsvorsitzender: „Dieses bisschen Segel-Olympia ist weniger Aufwand als die Warnemünder Woche. Da kommt nur ein Boot pro Nation.“ Bei der Warnemünder Woche, der internationalen Segelveranstaltung, sind jeden Juli 2000 Segler in Warnemünde, bei den Spielen wären es geschätzt 800 – plus Funktionäre, Journalisten und so weiter.

Bisher ist die Begeisterung bei der Bevölkerung für Olympia noch eher zurückhaltend

Die Angst mancher Menschen in Rostock hat eine Geschichte: Im Zuge der Leipziger Bewerbung wurde in Warnemünde ein Jachthafen ausgebaut, Kosten um die 100 Millionen Euro, fast die Hälfte kam vom Steuerzahler. Das Landgericht Rostock hat sich schon mit dem Bau beschäftigt. In Warnemünder Segelkreisen nicht zu verstehen. Ulrich Groß, Vorstandmitglied vom Akademischen Segelverein, sagt: „Der Jachthafen ist ein Kleinod, der so wichtig ist für den Segelsport.“ Unter dem Strich haben die das alles richtig gemacht, da hätten nur die Medien einen Unterton gegen Warnemünde reingebracht, sagt Jahnke. „Das geht gegen den Osten, so habe ich das empfunden.“

Ja oder Nein? Die Rostocker konnten im Rathaus ihre Meinung niederschreiben. Foto: Claus Vetter
Ja oder Nein? Die Rostocker konnten im Rathaus ihre Meinung niederschreiben.Foto: Claus Vetter

Montag wird sich alles entscheiden. Für Uwe Jahnke hat Rostock eine Chance vertan. „Man muss jetzt schon anfangen zu pushen, um die Leute in Rostock und Warnemünde dahinterzukriegen.“ Eine Bürgerbefragung ist erst für die Zeit nach dem Zuschlag geplant. Bis 15. September, sagt Siegfried Schwatke, Sportkoordinator im Büro des Oberbürgermeisters von Rostock. Im Falle pro Berlin, sagt er, „wird es in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft so etwas Ähnliches wie Rostock Olymp geben“. Schwatke weist darauf hin, dass es im Falle des Zuschlages auch noch einige Vorrundenspiele der Fußballturniere im Rostocker Stadion geben soll. Das Thema Olympia sei dadurch nicht nur für den Ortsteil Warnemünde spannend.

Erst einmal aber ist angespannte Ruhe in Rostock. Die Ausstellung mit der Machbarkeitsstudie ist längst abgebaut. Dass bald wieder etwas aufgebaut wird, da ist Sportkoordinator Schwatke, schon bei der Bewerbung für Berlin 2000 Chef des Rostocker Olympiabüros, optimistisch. „Ich habe ein gutes Gefühl, weil es um die stärkste internationale deutsche Bewerbung geht. Und das geht nur mit der Hauptstadt.“ Und nur mit Warnemünde. Wenn das Rostocker Mutterschiff aus Berlin am Montag noch auf olympischem Kurs ist.

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