Sport : Olympia-Kandidatur: Heraus aus der Schmollecke

Ernst Podeswa

Die Sprachlosigkeit ist passé. Man denkt über eine deutsche Olympiabewerbung nach. Mehr noch. Schon in Sydney wuselten die Vertreter eines Stuttgarter Olympiabüros durch die Gegend. Beinahe so wie eine Abordnung aus Athen. Der Unterschied: Die griechische Metropole hat den Zuschlag für die Sommerspiele 2004 - die Schwaben wollen sich bewerben. Irgendwann, 2012 oder 2016. Für 2008 ist es zu spät. Obwohl erst am 3. November 2001 Meldeschluss ist. Doch die Kandidaten Peking, Paris, Istanbul, Toronto und Osaka haben solch einen Vorsprung, dass es keinen Sinn hätte, sich noch zu bewerben. Zumal nach dem Zuschlag für die Fußball-WM 2006 an Deutschland der Eindruck eines sportpolitischen Großmachtstrebens entstehen könnte.

Außer Stuttgart bekunden das Ruhrgebiet und Leipzig/Pirna sowie der Großraum München für Winterspiele Interesse. Und merkwürdigerweise werden kaum Stimmen hörbar, die sich dagegen wenden. Im Gegenteil: NOK-Präsident Walther Tröger spricht sich dafür aus, die Landeschefs von Sachsen und Nordrhein-Westfalen werfen sich in die Brust, und auch Brigitte Zypries, Staatssekretärin von Bundesinnenminister Schily, könnte sich eine Bewerbung "durchaus vorstellen". Der Sinneswandel nach der Bewerbungspleite Berlins 1993 für die Sommerspiele 2000 ist offenkundig. Manchen schien damals angesichts der Vereinigungslasten eine zweite Riesenaufgabe nicht verkraftbar. Heute ist vieles davon bewältigt. Es ist wieder Raum für Visionen: Könnte Olympia nicht auch dem Mangel an Identität und einem gewissen Nationalstolz abhelfen?

Spiele wie jetzt in Sydney - weltoffen, fröhlich, begeisternd - warum sollte das nicht in Deutschland möglich sein? Und sie könnten die erwähnte Identitätslücke im Bewusstsein ausfüllen. Auch in Australien mit seinem stärkeren Gemisch aus Kulturen, Mentalitäten und Nationalitäten hat es bis einen Tag vor Beginn dieser 27. Millenniumsspiele nicht gerade wenig Skepsis und Ablehnung gegeben. Es ist von Tag zu Tag mehr in Begeisterung und Stolz umgeschlagen, dass Australien mit seinen 18 Millionen Einwohnern der Welt so ein glanzvolles Fest zelebrieren kann.

Dessen positive Ausstrahlung hat auch hiesige Regionen erreicht. Bis auf Berlin, das sich noch immer beleidigt und zerknirscht ob der Abfuhr vor sieben Jahren gibt. Es scheint nun an der Zeit, aus der Schmollecke herauszukommen. Olympia in Deutschland in Düsseldorf oder Leipzig, aber nicht in Berlin - ist das denkbar?

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