Sport : Olympia-Mode: Posen in Hosen

Lorenz Maroldt

Vierzehn Tage sind zu kurz, um alles zu verstehen. Manche Rätsel der Olympischen Spiele bleiben ungelöst. Warum zum Beispiel schwimmen die Schwimmer so schnell wie nie zuvor? Wegen der neuen Ganzkörperhosen? Weil mehr Sauerstoff im Wasser ist und weniger Chlor? Oder sind die Bahnen leicht abschüssig? Aber warum schwimmen die Deutschen dann so langsam? Die Welt des Sports ist wunderlich - auch in den Jahren zwischen den Spielen.

Warum spritzen erfolgreiche Rennfahrer Schaumwein aus Supermagnumflaschen auf ihre Gegner? Warum werfen Wasserballer nach dem Sieg ihren Trainer samt Schlips und Schuhen ins Becken? Warum zerren sich Fußballer nach einem Tor ihr Trikot über den Kopf? Und das immer wieder? Vielleicht, weil Sieger fast alles unter Kontrolle haben. Oft ihre Gefühle. Meistens ihre Posen. Und dann eben so feiern, wie sie trainieren: nach Plan. Vor vielen Jahren, bei den Olympischen Spielen von München, zog zum ersten Mal ein Läufer zur Ehrenrunde seine Schuhe aus und hielt sie hoch. Damals, die kontrollierte Verzückung war noch unterentwickelt, fanden viele diese Geste sympathisch. Sie wirkte so spontan. Bis sich herausstellte, dass der Läufer einen Werbevertrag mit dem Schuhhersteller hatte. Seitdem sind die Fans misstrauisch.

Manche Sportlerpose wird zum Ritual. Einer macht es vor, der nächste macht es nach, bis es alle machen, weil sie denken, das gehöre dazu. Warum sonst setzen sich Fußballer einen gewonnenen Pokal auf den Kopf? Es gibt auch Sportler, die angestrengt nach neuen Posen suchen, um sich abzuheben von der Masse. Vor einigen Monaten begann der Fußballer Roy Präger, nach jedem Tor seinen Schuh zu küssen. Er ließ es bald wieder. Es war ihm wohl peinlich. Carsten Jancker dagegen küsst weiter - und zwar seinen Ehering. Mindestens so lange, wie die Ehe hält. Eine Zeit lang war es bei jungen Fußballervätern in, ein imaginäres Baby im Arm zu wiegen. Der Brasilianer Bebeto begann damit. Sieht man auch nur noch selten.

Siegerposen können werblich sein, nachgemacht, peinlich, vergänglich - und männlich, wie die kraftstrotzende Becker-Faust. Siegerposen können aber auch politisch sein. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko reckten die schwarzen US-Amerikaner Tommie Smith und John Carlos, Erster und Dritter über 200 Meter, während der Siegerehrung ihre in schwarzen Handschuhen steckenden Fäuste gen Himmel - Black Power, ein Zeichen des Protestes gegen Rassendiskriminierung. Beim Abgang ließen sie ihre Medaillen respektlos am Handgelenk baumeln. James Hines, Sieger über 100 Meter, weigerte sich gar, seine Goldmedaille aus der Hand eines Weißen entgegenzunehmen. Ein Skandal.

Vier Jahre später, in München, wedelten die Hockey-Nationalspieler aus Pakistan bei der Siegerehrung so provokant mit ihren Silbermedaillen, dass auch dies nach Protest aussah. Aber wogegen protestierten sie? Nur gegen ihre Niederlage, also gegen sich selbst. Sie hatten fest mit einem Sieg gerechnet und 1 : 0 gegen Deutschland verloren. Ihre Geste sollte sagen: Dieses Silber ist nichts wert.

Viele Gewinner prüfen den Wert ihrer Medaille auf altertümliche Weise: Sie beißen hinein. So prüfte man früher die Echtheit von Goldstücken. Die deutschen Radsportler Robert Bartko und Jens Lehmann haben dies in Sydney gerade wieder getan. Was soll es bedeuten? Wow, das Organisationskomitee leistet sich Edelmetall? Wäre der Sport so politisch wie immer behauptet, wäre diese bestenfalls ironische, wahrscheinlich aber nur gedankenlose Geste ein Skandal. Denn sie könnte bedeuten: Hier wird gedopt, hier ist der Kampfrichter parteilich, das IOC gekauft - warum sollte ausgerechnet die Medaille echt sein?

Ja, warum eigentlich? Dietmar Mögenburg, 1984 Olympiasieger im Hochsprung, hat gerade festgestellt, dass die hauchfeine Goldschicht von seiner alten Medaille abblättert. Darunter fand er nichts als Blech.

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