Olympia-Schwimmer : Grillwürstchen statt Gespräche

Drei Monate vor Olympia ist die Atmosphäre bei den Schwimmern belastet – nicht zuletzt wegen Bundestrainer Madsen.

Frank Bachner
Madsen
Örjan Madsen sorgt für Unmut. -Foto: dpa

BerlinWahrscheinlich fehlten nur noch zwei weitere Sätze von Örjan Madsen, so eindringlich vorgebracht wie die anderen. Dann hätte es für Hennig Lamberz keinen Zweifel mehr gegeben: Von diesem Termin hängt die Zukunft des deutschen Schwimmens ab. Alle Athleten, die sich für die Olympischen Spiele in Peking qualifiziert hätten, müssten pünktlich auf die Minute in diesem Potsdamer Hotel eintreffen, hatte Madsen, der Cheftrainer der deutschen Schwimmer, dem Wuppertaler Heimcoach Hennig Lamberz klar gemacht. Schließlich sollte beim Treffen in Potsdam der Teamgeist gestärkt werden. Ausnahmen: keine, auch nicht für Lamberz’ Athletin Daniela Samulski. Die Deutsche Meisterin über 100 Meter Schmetterling hatte eigentlich noch bei einem Wettkampf in Regensburg schwimmen und etwas später nach Potsdam anreisen wollen. Abgelehnt.

Also hetzte Samulski am vergangenen Sonntag nach Potsdam, verzichtete auf dem Wettkampf und war pünktlich, „aber dann“, sagt Lamberz, „dann kam der Hammer“. Madsen verkündete seinen Schwimmern, dass es Probleme mit dem Hotelpersonal gebe, die Sitzung falle aus, draußen stehe ein Grill, alle könnten jetzt Würstchen braten. Lamberz fühlte sich veralbert. Für Samulski wäre es in Regensburg um 1000 Euro Siegprämie gegangen, zudem war der Wettkampf Teil von Lamberz’ Trainingszyklus’.

Potsdam ist eines dieser Details, die derzeit die Atmosphäre unter den deutschen Schwimmern belasten. In drei Monaten beginnen die Olympischen Spiele, Schwimmen ist eine Kernsportart, Peking ist das Highlight für alle Sportler, aber die beherrschenden Themen der deutschen Beckenschwimmer sind die Qualität von Schwimmanzügen, der Verzicht von Europarekordlerin Britta Steffen auf die 4-x-200-Meter-Freistil-Staffel und die seltsame Zusammenstellung des deutschen Trainerstabs für Olympia. „Das absorbiert unheimlich viel Energie“, stöhnt Lamberz. Ja, sekundiert Thomas Rupprath, der Welt- und Europameister, „das kostet sehr viel Kraft“.

Und dazwischen, irgendwo, entweder im Zentrum oder am Rande eingebunden, steht Örjan Madsen. Dieser knorrige, schlaksige Norweger, der 2006 angetreten ist und in seiner Antrittsrede mit hartem Akzent verkündete: „Wer nicht mitzieht, auf den werde ich nicht warten.“ Das klang erstmal wie ein Spruch, den konnte keiner so recht einordnen. Aber niemand konnte ahnen, wie sehr Madsen diesen Spruch verinnerlicht hat. Vor allem aber: Wie sehr er ihn nach seinen Regeln auslegt. Was bedeutet das? Nicht Mitziehen? Leise Kritik? Harte Widerworte? Diskussionen ums Konzept? Es ist ein Streit um Stil, um Umgangsformen, um Kommunikation.

Madsen fordert größtmögliche Professionalität, ein Verfechter des Leistungsprinzips. „Wenn wir in Peking Weltspitze sein wollen, dann müssen wir härter arbeiten“, sagt er immer wieder. Genügend Experten geben ihm da recht, der Würzburger Trainer Stefan Lurz ist einer davon. Er trainiert die Weltmeisterschaftszweite Annika Lurz, er sagt: „75 Prozent aller deutschen Athleten trainieren nicht hart genug.“ Aber Madsen schafft es nicht, seine Inhalte so zu erklären, dass andere mitziehen. „Ich kann bestimmte Dinge sehr gut auf den Punkt bringen, aber ich kann diese Punkte auch sehr hart formulieren. Wenn ich meine Stimme und meine Körpersprache entsprechend einsetze, dann kann es im schlimmsten Fall dazu kommen, dass ich den Leuten Angst einjage“, sagte er nach der WM 2007. Und dann sagte er auch noch: „Die Leute müssen sich wohlfühlen.“

Aber einer wie Lamberz fühlt sich nicht wohl. Er hätte gerne von Madsen persönlich erfahren, warum er nicht zu den Olympischen Spielen darf, obwohl er zu den besten und erfolgreichsten deutschen Trainern gehört. Er hätte es gerne erfahren, bevor Madsen ansatzlos der gesamten Olympiamannschaft den Trainerstab vorstellte und Lamberz’ Namen auf der Liste fehlte. „Dann hätte ich nicht so blöd da gestanden“, sagt der Coach. Auch Manfred Thiesmanns Name fehlte. Seit 28 Jahren ist er Bundestrainer, nach Peking soll er nicht. Illoyalität, wirft ihm Madsen intern vor. Offiziell will er zu dem Fall nichts sagen. Thiesmann, sagt, er habe als Begründung nur den Satz gehört: „Du störst in Peking.“

Thiesmanns Abwesenheit in Peking könnte die Mannschaft schwächen. Der 63-Jährige ist weltweit einer der renommiertesten Experten für Staffeln. Bei der WM 2007 warnte er intern, dass die von Madsen abgesegnete 4-x-200-Meter-Freistil-Staffel in der geplanten Besetzung nicht mal ins Finale einziehen werde. Am nächsten Morgen, gegen sechs Uhr, meldete sich Madsen bei Thiesmann und akzeptierte die Vorschläge des Bundestrainers. Der völlig überraschte Heimtrainer Stefan Lurz musste daraufhin seine tief schlafende Athletin Annika Lurz wecken. Die musste jetzt doch schon, anders als geplant, im Vorlauf in der Staffel schwimmen. Es zahlt sich aus: Die Staffel gewann am Ende die Silbermedaille.

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