Olympia und Politik : „Psychisch belastend“

Athletensprecher Breuer über Politik bei Olympia und mögliche Protestformen von Sportlern in Peking.

Herr Breuer, was halten Sie von dem Vorschlag, die Olympischen Spiele in Peking zu boykottieren?

Ich bin erschrocken, wie viele Politiker momentan einen Boykott diskutieren, obwohl sie anscheinend über Planungs- und Vorbereitungsprozesse im Leistungssport nur mäßig informiert sind. Die Diskussion ist eine immense psychische Belastung für die Sportler, die momentan für die Spiele trainieren. Für die Athleten sind sie der Höhepunkt ihrer Karriere. Auf den bereiten sie sich ihr Leben lang vor, und andere diskutieren jetzt darüber, ob man den nicht ausfallen lassen könnte. Als beschlossen wurde, die Spiele 1980 in Moskau zu boykottieren, haben einzelne Sportler mitten im Wettkampf abgebrochen, als sie die Nachricht bekamen, da der Sinn ihrer ganzen Mühen in Sekunden geplatzt war.

Kann man wirklich darüber hinwegsehen, was die chinesische Regierung in Tibet macht?

Nein. Und ich finde es furchtbar, was in Tibet passiert. Aber ich finde auch, dass es sich die Politik gerade etwas leicht machen. Über einen Sportboykott nachzudenken ist das mildeste Mittel – man reagiert, aber es trifft nicht die Masse der Wähler. Die normalen Wirtschaftsbeziehungen laufen ja auch weiter. Ich habe zum Beispiel in den vergangenen zwei Wochen, abgesehen von ein paar Kommentaren in den letzten Tagen, niemanden ernsthaft über einen Wirtschaftsboykott nachdenken hören. Das ist inkonsequent, nicht alle Facetten der Gesellschaft einzubeziehen, und stärkt nicht die Glaubwürdigkeit.

Wie kann der Deutsche Olympische Sportbund aber den Sport als unpolitisch darstellen, wenn vor den Ereignissen in Tibet damit geworben wurde, dass die Olympischen Spiele China weiter öffnen würden?

Öffnung ist ein Prozess, der bei einer Milliarde Menschen nicht innerhalb von ein paar Jahren umsetzbar ist und außerdem muss man dabei auch die kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten des Landes im Hinterkopf behalten. Ich fühle mich bei diesem Thema, also den Ereignissen in Tibet, persönlich auch in einer Zwickmühle. In meinem Studium bei der Bundespolizei geht es täglich um die geringst mögliche Form von Grundrechtseingriffen und Verhältnismäßigkeit der Wahl meiner Mittel bei Polizeimaßnahmen – und entsprechend beurteile ich, was in Lhasa passiert. Aber ich vertrete die Interessen der Athleten, und die Sportler haben es verdient, dass sie ihren Wettkampf bekommen. Mit meinen Kollegen der Athletenvertretung überlegen wir, in welcher Form die Athleten, die zu den Spielen fahren, zeigen könnten, dass sie sich über die Situation der Menschenrechte Gedanken machen.

Was könnten Sie Sich vorstellen?

Bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City haben viele amerikanische Sportler Armbänder mit den Namen von Feuerwehrleuten getragen, die bei den Anschlägen vom 11. September gestorben sind. Wir denken über ähnliche Möglichkeiten nach, auch um Athleten vor Eigeninitiativen zu schützen, die gegen die Olympische Charta verstoßen könnten.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger.

Christian Breuer, 31, ist Athletenvertreter im Deutschen Olympischen Sportbund. Der Eisschnellläufer war 15 Mal Deutscher Meister, bei den Olympischen Spielen 1988 belegte er Platz neun.

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