Olympia und Thomas Bach : Der Ingenieur ist gefordert

Am Dienstag wählt das IOC seinen neuen Präsidenten. Gut möglich, dass tatsächlich der deutsche Bewerber gewinnt, Thomas Bach. Was würde in diesem Amt von ihm verlangt?

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Hat demnächst vielleicht alle Hände voll zu tun als neuer IOC-Präsident: Thomas Bach.
Hat demnächst vielleicht alle Hände voll zu tun als neuer IOC-Präsident: Thomas Bach.Foto: dpa

Sieben Jahre zu früh jubeln, das gibt es wohl nur im olympischen Sport. Dass in 2500 Tagen die Sommerspiele in Tokio stattfinden, hat jedenfalls eine Menge an Tänzchen und Tränen der Freude ausgelöst. Es muss also immer noch einiges dran sein an dieser olympischen Idee, da kann noch so viel gedopt und manipuliert und abgezockt werden. Selbst in Berlin laufen sich schon einige warm für eine neue Bewerbung. Nur ankommen müssen sie noch. Nicht jeder Marathon endet im Ziel.

Wenn diese olympische Idee ein Selbstläufer ist, dann kann doch eigentlich auch nicht so wichtig sein, wer an der Spitze der Bewegung steht. Am Dienstag wählt das Internationale Olympische Komitee jedenfalls seinen neuen Präsidenten. Gut möglich, dass tatsächlich der deutsche Bewerber gewinnt, Thomas Bach. Er hat auf jeden Fall schon einige Zeit dafür trainiert. Es wäre kein Sensationserfolg, eher ein Arbeitssieg. Er wäre Präsident geworden wie ein Ingenieur, der sich durch einen Automobilkonzern nach oben an die Vorstandsspitze gekämpft hat.

Bach kann das IOC auch wie ein Unternehmen führen. Es wird sein Geld machen. Es wird seine Beziehungen pflegen. Er wird bunte Spiele abliefern. Aber ist Sport nicht mehr als das?

Noch immer lebt der Sport vom Anspruch – und verdient daran –, dass es bei ihm besonders menschlich zugeht, fairer, verbindender. Der sportliche Vergleich soll dem ökonomischen Wettbewerb etwas voraushaben. Jeder bekommt seine Chance, am Startblock sind alle gleich. Das macht ihn zum Modell. Auch das olympische Dorf ist ein Modell, nicht mal ein utopisches, denn auch hier haben die größten Länder die meisten Stockwerke. Aber man trifft sich regelmäßig in der Mensa zum Essen, ohne reservierte Plätze.

Das verlangt deshalb von einem IOC- Präsidenten mehr als von einem Vorstandschef. Vor allem mehr Haltung. Als Weltpräsident einer Wertegemeinschaft darf er sich nicht von Staatenlenkern seine Werte abkaufen lassen. Nach seiner eigenen Lebenserzählung hat Thomas Bach die Ohnmacht des Sports beim Olympiaboykott 1980 zur sportpolitischen Karriere motiviert. Stur verteidigt er seitdem die Autonomie des Sports. So wehrt er sich auch gegen eine stärkere Dopingbekämpfung durch Gesetze. Als ob in Deutschland gerade der Staatssport drohe. Als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes hat er vom guten Ruf des Sports und der Arbeit seiner Vorgänger profitiert. Mit Lieblingsthemen ist er nicht aufgefallen.

Selbst wenn der Mann an der Spitze des IOC nicht Einfluss im Überfluss hat, also der Ban Ki Moon des Sports ist, bleibt ihm doch das Wort. Auch das Machtwort. Ein Machtwort gegen die russische Führung, wenn sie Freiheitsrechte einschränken will und davon auch die Olympiateilnehmer betroffen sind. Ein Machtwort gegen Fernsehanstalten und Unternehmen, wenn sie Wettbewerbe und Athleten vereinnahmen. Ein Machtwort gegen Funktionäre aus den eigenen Reihen, wenn sie in den Verdacht geraten, sich am Sport zu bereichern.

Zum Wortschatz sollte aber genauso das offene Wort gehören. Um zu sagen, wo genau der Sport Hilfe bei der Dopingbekämpfung braucht. Und wie der Sport als anstrengende Beschäftigung bei Jugendlichen das Duell gegen die spaßorientierte Unterhaltungsindustrie gewinnen will. So hat es der scheidende Präsident Jacques Rogge gesagt. Und seinem Nachfolger damit noch die wichtigste Aufgabe verraten.

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