Sport : Olympia – was ist das?

45 Tage vor Beginn der Spiele in Athen kennt Griechenland nur ein Thema: Fußball

Torsten Haselbauer[Athen]

Auch den griechischen Minister für Öffentliche Ordnung hat das Fußballfieber erfasst. Der Mann heißt Georgios Voulgarakis und er sagte im staatlichen Fernsehen NET: „Ich würde vorschlagen, Otto Rehhagel zum Griechen zu machen – er hat eine griechische Seele.“ Wenn der deutsche Trainer der griechischen Nationalmannschaft wolle, könne ihm sofort die Staatsbürgerschaft verliehen werden.

So etwas gibt es wohl nur in Griechenland. In genau 45 Tagen, am 13. August 2004, werden in Athen die Olympischen Spiele eröffnet. Aber davon spricht derzeit keiner mehr. Der Fußball verzückt nun schon seit über zwei Wochen ganz Griechenland. Die Mannschaft von Otto Rehhagel, die durch ihren Halbfinaleinzug bei der Europameisterschaft in Portugal die Fußballwelt überraschte, hat die Olympischen Spiele ganz einfach aus den Köpfen der griechischen Öffentlichkeit verbannt. Seit 1997 wurde in Athen eigentlich über nichts anderes diskutiert, als über die Spiele im August. Mindestens genauso lang bestimmten im Ausland die Bauverzögerungen an den olympischen Sportstätten und die über eine Milliarde teuren Sicherheitsmaßnahmen, die Schlagzeilen. Doch seit dem 12. Juni, als Griechenland im EM-Eröffnungsspiel Portugal besiegte und die Begeisterung ihren Anfang nahm, sind die elf Millionen Einwohner des Landes im Fußballrausch versunken. Olympia kann warten!

Während die Organisatoren der Olympischen Spiele noch immer auf ihren Eintrittskarten sitzen und schon ernsthaft daran denken, sie preiswerter zu verkaufen, ist auf die wenigen Portugal-Tickets ein regelrechter Run ausgebrochen. Mindestens 10000 fußballverrückte Hellenen wollen sich nach Porto aufmachen, um am Donnerstag das Halbfinalspiel ihres Teams gegen Tschechien zu verfolgen. Dafür fliegen sie einmal quer über Europa, von Ost nach West, und bezahlen dafür bis zu 1000 Euro. Der olympische Wettkampf im Baseball ist zwar mit Eintrittspreisen ab 15 Euro bedeutend preiswerter anzuschauen und wird quasi vor der Haustüre der Athener ausgetragen, doch interessiert diese und einige andere olympische Sportarten im Mutterland der Spiele keinen. Das hören die Organisatoren der Sommerspiele nicht so gerne. Auch der Weg der Fackel, erstmalig über alle Kontinente der Welt ausgetragen, taucht allenfalls als Randnotiz in den griechischen Medien auf.

Insgeheim jedoch kommt den Organisatoren der Olympischen Spiele um die strenge Vorsitzende Gianna Angelopoulou-Daskalaki die Fußballeuphorie ihrer Landsleute nicht ganz ungelegen. Die verrückten Fußballwochen verschaffen den ohnehin gestressten Olympiastrategen eine allerletzte Verschnaufpause. Abgekoppelt von der internationalen Medienüberwachung kann die hochkomplexe Organisation der Spiele vorangetrieben werden. Die Probleme dabei sind die alten und bekannten.

Das Olympiastadion hat zwar nun ein modernes Dach aufgesetzt bekommen. Aber vor dem Stadion „Spiridon Louis“ sieht es, wie übrigens fast an allen olympischen Werken, noch sehr nach Baustelle aus. Nichts zu sehen von den versprochenen grünen Pflanzen, schattenspendenden Bäumen und weiten Rasenflächen, die dort eingepflanzt werden sollten. Stattdessen gibt es nur eine Menge Steine, viel Schutt und Staub, der da umherfliegt. Doch darüber redet derzeit in Athen keiner. Dem Fußball sei Dank.

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