Olympia : Wer wagt, gewinnt mehr

Jetzt beginnt das Spektakel von Peking. Mit Sponsorengerangel in einer Diktatur, in der Oppositionelle um ihr Leben fürchten müssen und nicht mal Ausländer für kurze Zeit Meinungsfreiheit haben. Was kann Sport da noch Positives beitragen? Eine Menge. Athleten können für ihre Freiheit eintreten, indem sie sie vorleben.

Robert Ide
Diving
Mehr Leichtigkeit wagen. Olympia, Peking 2008.Foto: AFP

Bei den Olympischen Spielen liegt der Ball auf dem Anstoßpunkt, die Sprintschuhe sind geschnürt, die Schwimmer steigen auf die Startblöcke. Jetzt beginnt’s: das Spektakel von Peking. Mit Sponsorengerangel in einer Diktatur, in der Oppositionelle um ihr Leben fürchten und nicht mal Ausländer, die nur kurze Zeit da sind, Meinungsfreiheit haben. Wo die Luft verschmutzt ist und weltweit die meisten Dopingmittel produziert werden.

Und wo bleibt da die Leichtigkeit?

China ist auf dem Sprung. Vielen macht das Angst. Wirtschaftlich setzt das Reich der Mitte zum Überholen an, selbst in Deutschland spürt man neue Abhängigkeiten. VW verkauft bereits dort so viele Autos wie hier. Die Art, wie Chinas Machthaber die Spiele der Welt für Ideologie und Nationalismus missbrauchen, hat nicht nur das Internationale Olympische Komitee schockiert. Peking, um organisierte Leichtigkeit bemüht, hat plötzlich eine schwere Last. Die Volksrepublik, ein Reich von Bösen?

Die – jederzeit notwendige – Debatte um Menschenrechte und Meinungsfreiheit hat die Entfernung zwischen dem nahen Westen und dem fernen Osten nicht vergrößert, aber deutlich aufgezeigt. Viele Chinesen, die dem Westen nacheifern, aber sich nicht von ihm belehren lassen wollen, fühlen sich in ihrem Stolz verletzt. Hier dagegen bleibt die Frage, warum man sich nicht aufregen soll, wenn sogar auf olympischem Hoheitsgebiet die Presse zensiert wird. Schon am Eröffnungstag wirkt das Verhältnis gespannt, wie verhakt. Was kann Sport da noch Positives beitragen?

Eine Menge: Er kann stattfinden.

Revolutionen entfacht Sport nicht, erst recht nicht der kommerzielle. Jacques Rogge ist nicht der Dalai Lama, dazu hat der IOC-Präsident den Kampf um seine Hoheitssymbole auch viel zu früh aufgegeben. Aber Sport, selbst der kommerzielle, kann Kontakte schaffen und Neugier wecken. Auch durch Wettkämpfe – so sie denn fair sind – entsteht Interesse am Gegner, an seiner Art zu feiern, mit Niederlagen umzugehen, zu leben. Gegenseitig. Die Lust der Chinesen am Westen und seinen Werten zu wecken, auch das ist eine Chance.

Kann Sport eine Gesellschaft verändern? Das Internationale Olympische Komitee hat das bei der Vergabe der Spiele an China gehofft, aber dann Pekings Propagandisten keine Grenzen gesetzt. Nun gehen die Athleten aufs Feld – nun ist es an ihnen, mehr Haltung zu zeigen. Sie können sich einmischen wie die deutsche Degenfechterin Britta Heidemann, die um Verständnis wirbt für das sich wandelnde China. Sie können demonstrieren, indem sie der Eröffnungsfeier fernbleiben, wie es Heidemanns Kollegin Imke Duplitzer heute tun möchte. Die Gedanken sind frei, die Sportler sind es auch.

Trotz aller olympischen Neutralitätsgebote können Athleten für ihre Freiheit eintreten, indem sie sie vorleben. Eine weltweit sichtbare Demonstration für unteilbare Grundrechte – das gäbe zumindest eine symbolische Goldmedaille. Und wer, außer er selbst, will eigentlich Jacques Rogge daran hindern, in seiner Eröffnungsrede die Menschenrechte klar anzusprechen? Die Welt ist zu Gast in Peking – aussperren kann China sie nicht mehr.

Die Olympischen Spiele beginnen. Aber Sport ist nicht mehr einfach nur Sport. Darum lohnt sich das genaue Hinschauen. Und so schwer es fallen mag: An Leichtigkeit gewinnt, wer etwas wagt.

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