Analyse : Was bringen Olympische Spiele?

15.07.2012 13:12 Uhrvon

Metropolen wollen sich eine Verjüngungskur mittels Olympia verpassen – doch nicht immer sind die Spiele ein Segen für die Ausrichterstadt. Eine Rückschau auf Gewinner und Verlierer.

Montreal hat noch heute an den Spielen von 1976 zu knabbern

Die überdimensionierten Sportstätten von Athen 2004 verrotten derweil. Foto: AFP
Die überdimensionierten Sportstätten von Athen 2004 verrotten derweil. - Foto: AFP

Münchens direkter Nachfolger Montreal dagegen ist ein Beispiel dafür, dass Olympia auch ein Fluch sein kann. Kanada ließ die Stadt damals mit den ausufernden Kosten allein, „und sie bezahlen immer noch dafür“, sagt Stiehler. Das Finanzdebakel von Montreal markierte einen Wendepunkt. Inzwischen werden Olympiabewerbungen als nationale Aufgabe betrachtet, deren Finanzierung meist das ganze Land übernimmt.

Die Attraktivität einer Bewerbung für die Städte ist dadurch gestiegen, „denn so kann man Töpfe für die Stadtentwicklung anbohren, an die man sonst nicht oder erst viel später herankommen würde“, sagt Stiehler. Sportökonom Maennig rechnet vor: Olympia in London soll die Briten zwischen neun und 14 Milliarden Euro kosten. „Aber die Organisationskosten liegen traditionell nur bei etwa 2,5 Milliarden Dollar und werden voll gedeckt durch die Einnahmen der Organisationskomitees – die Masse stellt das IOC aus Fernseh- und Sponsoringerlösen bereit.“ Die restlichen Baukosten seien keine reinen Olympiakosten. Viele Verkehrs- und Infrastukurmaßnahmen seien meist ohnehin nötig und würden einfach vorgezogen. So wurde in London das Eisenbahnnetz ausgebaut, um die unter ihrem Alter ächzende U-Bahn zu entlasten. Und das olympische Dorf im Ostlondoner Stadtteil Stratford soll später in dringend benötigten Wohnraum umgewandelt werden.

Die sinnvolle Nachnutzung von Infrastruktur und Anlagen ist der entscheidende Faktor für die Olympiastadt. Hier kann sogar eine gescheiterte Bewerbung ihr Gutes haben. Obwohl Berlin nicht den Zuschlag bekam, wurden damals Velodrom und Max-Schmeling-Halle gebaut – zwei Veranstaltungsorte, die auch heute noch benötigt werden.

Athen scheiterte 2004 an dieser Frage. „Die Stadt und das Land waren für Olympia nicht geeignet“, sagt Maennig. Man baute eine U-Bahn vom Flughafen in die Stadt, die man sich nicht leisten konnte. „Die Griechen wussten doch, dass sie pleite waren, und hätten besser auf die teure Bewerbung verzichtet.“ Und weil die Stimmung schlecht war und die Anlangen danach verrotteten, hielt sich auch der Werbeeffekt in Grenzen.

Eine ähnliche Erfahrung ist Leipzig zum Glück erspart geblieben. Stiehler ist jedenfalls froh, dass seine Stadt den Zuschlag für 2012 nicht bekommen hat. Die Sportstätten hätte nach den zweieinhalb Wochen kein Mensch mehr gebraucht, und an die Verkehrsschneisen, die durch die Stadt hätten geschlagen werden müssen, mag Stiehler gar nicht denken. Leipzig, sagt er, hätte sich an diesem gigantischen Ereignis „überhoben, und zwar erheblich“. Auch IOC-Präsident Rogge war froh über die Absage an Leipzig; die Stadt sei einfach zu klein für Olympia.

In vier Jahren wird Rio de Janeiro Gastgeber der Spiele sein, das passt schon eher. 2014 findet die Fußball-WM in Brasilien statt. Wie sehr Rio sein Image als Hort von Gewalt und Kriminalität korrigieren will, zeigt sich in der beispiellosen Konsequenz der Bauarbeiten. Unter Protesten von Menschenrechtlern werden Favelas abgerissen, um Platz zu machen. Platz für das neue Rio. Ob es besser als das alte ist, wird sich wie immer erst zeigen, wenn die olympische Flamme erloschen ist.

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