Olympiapfarrer : "Beten ersetzt kein Training"

Olympiapfarrer Hans-Gerd Schuett über seine Arbeit und Sportwettbewerbe an Weihnachten.

Benedikt Voigt
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Foto: ddp

Herr Schuett, macht der Olympiapfarrer eigentlich Sport an Weihnachten?



Mein Sport an Weihnachten ist ganz normales Spazierengehen, in einer hoffentlich weißen Landschaft, aber das scheint ja nicht ganz zu funktionieren.

Dürfen Sportler aus Sicht der Kirche an Weihnachten überhaupt trainieren?

Ja sicher. Wenn sie ein Trainingsprogramm haben, das für den Wettkampfrhythmus wichtig ist. Das ist wie in anderen Berufen auch, das können sie nicht einfach unterbrechen. Was ich den Sportlern wünsche, ist, dass sie trotz der Wettkampfvorbereitung einige Zeit der Ruhe finden. Ich wünsche mir und allen anderen, dass uns immer wieder bewusst wird, was wir an Weihnachten feiern. Dass das nicht überlagert wird vom allgemeinen Erleben der Weihnachtstage, sondern dass auch die Glaubensbotschaft die Menschen erreicht.

Ist es für Sportler wie die Skispringer nicht besonders schwer, an Weihnachten Ruhe zu finden, wenn sie gleich am 29. Dezember mit dem Beginn der Vierschanzentournee einen Saisonhöhepunkt vor sich haben?

Das ist sicherlich schwerer, als wenn ich weiß, dass das Ganze erst wieder im neuen Jahr beginnt. Das ist vergleichbar mit einer Examens- oder Abiturprüfung unmittelbar nach Weihnachten. Trotzdem hoffe ich, dass es auch für die Skispringer noch einige Momente der Ruhe und Besinnung gibt.

Die Basketball- und Volleyball-Bundesligen spielen schon wieder am zweiten Weihnachtsfeiertag. Was halten Sie von Sportwettbewerben an Weihnachten?

Ich wünschte, dass die Feiertage möglichst freigehalten werden. Aber in diesem Jahr liegt Weihnachten etwas ungünstig. Und man muss auch ein bisschen Rücksicht nehmen auf den Spielbetrieb. Deshalb habe ich auch ein Stück weit Verständnis, wenn am zweiten Weihnachtsfeiertag ein Wettkampf stattfindet. Wenn es nicht anders geht.

Aber der 24. und der 25. Dezember sind tabu für Sportveranstaltungen?

Auf jeden Fall. In Deutschland ist die Weihnachtskultur so, dass man sich diese Tage möglichst freihält, damit Zeit ist für Familie, für Besuche und, aus Sicht der Kirche, für die Gottesdienste.

Wozu braucht man einen Olympiapfarrer?

Die Tradition des Olympiapfarrers geht in Deutschland zurück auf die Spiele 1972 in München. Damals musste man im Olympischen Dorf ein religiöses Zentrum für die Weltreligionen einrichten, das ist bis heute Pflicht. Danach hat man in Deutschland gesagt, es ist gut, wenn die jeweilige Olympiamannschaft von einem katholischen und evangelischen Pfarrer begleitet wird, die dann seelsorgerische Aufgaben übernehmen.

Werden Sie diese Aufgaben auch in Vancouver übernehmen?

So wie es aussieht, fliege ich am Altweiberdonnerstag mit meinem evangelischen Kollegen rüber und bleibe bis zum Ende der Paralympics.

Wie sieht Ihre Arbeit vor Ort aus?

Das sind zum Beispiel Gespräche über Gott und die Welt. Nach dem Motto, wenn ich den Pfarrer mal gerade treffe, habe ich eine Frage. Das sind seelsorgerische Fragen, über den Glauben, aber auch Lebensfragen. Zum Beispiel: Wann plane ich mein Karriereende? Wir verteilen auch eine Broschüre an die Olympiamannschaft, in der wir die Bibel auch mal sportlich betrachten. Zum Skispringen habe ich mal geschrieben, dass das eine Sportart ist, in der man Gegenwind braucht. Denn manchmal muss man im Leben auch Gegenwind spüren, der dann zu einem Aufwind werden kann.

Kann man eigentlich sagen, dass die Skispringer dem Himmel näher sind?

Wenn Sie den geografischen Himmel meinen, dann sind sie mit am nächsten. Nicht aber beim religiösen Himmel. Den kann man geografisch nicht verorten. Das ist ein wichtiger Unterschied, sonst kommen in Vancouver die Rodler, Eisschnellläufer oder die Curling-Leute und sagen: Hör mal, was erzählst du denn da? Du meinst die Skispringer sind dem Himmel näher als wir?

Hilft Beten eigentlich für den Olympiasieg?

Wenn das Gebet beim Sportler sich aus dem Glauben heraus erschließt, dann kann es durchaus an Leib und Seele wohltuend sein. Es kann sich ein Gefühl einstellen, das für die sportliche Leistung förderlich ist. Aber es gibt keinen Kausalzusammenhang, nach dem Motto: Wenn ich bete, bin ich erfolgreicher. Ich sage immer: Beten ersetzt kein gutes Training.

Hans-Gerd Schuett, 51, ist Sportbeauftragter der katholischen Kirche und seit Athen 2004 Olympiapfarrer. Auch bei den Winterspielen 2010 wird er die Sportler in Vancouver betreuen.

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