Olympiasiege 3 und 4 : Goldener Sattel

Hinrich Romeike gewinnt mit den deutschen Vielseitigkeitsreitern innerhalb weniger Stunden Gold im Einzel und mit der Mannschaft – 2004 in Athen waren dem Team zwei Olympiasiege aberkannt worden.

Nikolaus Schmidt[Hongkong]
Olympische Sommerspiele 2008
Doppelt erfolgreich. Hinrich Romeike darf am Dienstag gleich zweimal jubeln.Foto: ddp

Keinen einzigen Abwurf durfte sich Hinrich Romeike erlauben. Sein Pferd Marius, das gelegentlich den Respekt vor den bunten Stangen vermissen lässt, schien zu wissen, worauf es ankommt: Alles blieb liegen, wenn es auch manchmal gefährlich klapperte, es blieb bei den 54,20 Punkten, mit denen der Zahnarzt aus Nübbel in den Endkampf gestartet war. Wenige Stunden nach der Mannschaftsgoldmedaille gewann Hinrich Romeike damit auch die Einzelmedaille in der Vielseitigkeit. Die Silbermedaille in der Einzelwertung ging an Gina Miles (USA) auf Mckinlaigh, Bronze an die Britin Kristina Cook auf Miners Frolic. Mannschafts-Gold sei ein Traum gewesen, sagte Romeike, der Einzel-Sieg „war das i-Tüpfelchen auf dem i-Tüpfelchen auf dem i- Tüpfelchen auf dem Sahnehäubchen“. Den Mannschaftserfolg hatte er mit dem letzten Ritt des Wettbewerbs perfekt gemacht.

„Schatzi, diesmal nimmt uns die Goldmedaillen keiner mehr weg“, rief Vielseitigkeits-Bundestrainer Hans Melzer seiner Frau in Deutschland übers Handy zu. Damit spielte er an auf die nach einer IOC-Entscheidung verlorenen zwei Goldmedaillen von Athen 2004. Melzers Wangen zierten die schwarzrotgoldenen Farben, der Schweiß rann ihm aus allen Poren – kein Wunder bei 26 Grad Celsius und 81 Prozent Luftfeuchtigkeit, und das abends um neun Uhr. Zehn Pfund habe er abgenommen in den letzten beiden Wochen, sagte Melzer. Es hat sich gelohnt. Für Deutschland ist es das dritte Team-Gold nach 1936 und 1988. Silber ging gestern an Australien, Bronze an Großbritannien.

Die Deutschen hätten sogar eine weitere Medaille gewinnen können. Doch Ingrid Klimke, die noch Chance auf Silber gehabt hatte, blieb nach einem Abwurf mit Abraxxas nur Platz fünf . Andreas Dibowski auf Butts Leon, der erst als Reservist nach dem Ausfall von Bettina Hoys Pferd Ringwood Cockatoo ins Team gerückt war, wurde nach zwei Abwürfen Achter. Frank Ostholt hatte mit dem jüngsten Pferd des Teams, dem neunjährigen Iren Mr. Medicott, ebenfalls einen makellosen Parcours absolviert, durfte aber an der Einzelentscheidung nicht mehr teilnehmen: wie bei allen olympischen Endkämpfen sind nur drei Sportler pro Nation zugelassen. „Ich gönne meinen Teamkameraden ihren Erfolg, aber da mein Pferd sehr gut springt, hätte ich mir auch noch die Chance auf eine Einzelmedaille ausgerechnet“, sagte der Leiter des Bundesleistungszentrums in Warendorf.

Ende eines Traumas

Das Trauma von Athen können die deutschen Vielseitigkeitsreiter jetzt wohl endgültig begraben. Sie haben gestern bewiesen, dass sie die Besten sind. Sportlich waren sie das bereits 2004, aber ein technisches Vergehen von Bettina Hoy, die zweimal durch die Startlinie geritten war, ohne dadurch einen Vorteil zu haben, kostete letztlich beide olympischen Medaillen. Auch Hoy war vor Ort, unterstütze das Team, und freute sich „irrsinnig mit“. Wie bitter der Sieg des deutschen Teams ohne ihre Beteiligung für sie war, weiß nur sie selbst.

Dass die deutschen Vielseitigkeitsreiter heute den traditionell starken Nationen wie Großbritannien und Australien Paroli bieten können, verdanken sie einem Trainerteam, das Hand in Hand arbeitet. Während Hans Melzer das Management leitet, führt, stützt und hilft, geht sein britischer Kollege Chris Bartle mit den Reitern akribisch die Aufgaben durch. Den Geländekurs schritt er mit jedem Reiter einzeln ab, tüftelte für jedes Pferd die ideale Linie aus. „Sonst wären wir nie so weit gekommen“, sagte Ingrid Klimke. Sie musste dreimal mit Bartle im Eiltempo durch die Strecke, bis jeder Meter saß. Aber es hat sich gelohnt. Alle Befürchtungen, das Wetter, schwüle Hitze, würde die Pferde überstrapazieren, traten letztlich nicht ein.

Zwar wären etliche Pferde mit erhöhter Temperatur und schnellem Puls ins Ziel gekommen, so der Cheftierarzt Jeffcott, aber innerhalb einer halben Stunde waren die Werte bei allen Pferden wieder normal.

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