Olympische Momente : Als die Norweger Gold verloren

Die olympischen Spiele 1994 in Lillehammer sind ein einziges Wintermärchen. Sportlicher Höhepunkt aus Sicht der Norweger soll die Langlauf-Staffel der Männer werden. 200.000 Zuschauer sind gekommen, um ihre Mannschaft siegen zu sehen. Doch es kommt anders.

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Foto: p-a/dpadpa

Es ist der 22. Februar 1994, einer der 16 Tage dieses wunderschönen Wintermärchens. Die olympischen Winterspiele finden in und um Lillehammer statt, einem Städtchen mit 21 000 Einwohnern in Norwegen. Keine Spiele des Gigantismus, sie sollen nachhaltig und grün sein, das überflüssige Fällen eines Baumes beim Bau der Rodelbahn kostet 50 000 Kronen Strafe. Das Wetter ist perfekt, Naturschnee selbstverständlich. Athleten, Offizielle, Fans, Berichterstatter, ja selbst die Fernsehzuschauer der Welt schwärmen von der freundlichen Atmosphäre der besten Winterspiele aller Zeiten. Und heute morgen sind tatsächlich 100 000 Zuschauer an die Strecke um das Birkebeiner-Skistadion gekommen, um Langlauf zu gucken. Ein Meer aus rot-weiß-blauen Fahnen, Mützen und Schals im Schnee, die Menschen wollen ihre Staffel anfeuern, die seit Jahren jedes Rennen gewinnt. Schlussläufer wird Björn Daehlie sein, der zu dieser Zeit seine Sportart dominiert, in den Tagen zuvor hat er bereits zwei Goldmedaillen und einmal Silber gewonnen.

Nach den ersten zehn Kilometern liegt Norwegen knapp vor den Finnen in Führung, 15 Sekunden später folgt Italien. Die Zuschauer, die am Streckenrand so dicht gedrängt wie bei einer Bergetappe der Tour de France stehen, sind begeistert und bleiben es, als beim nächsten Wechsel Italien führt. Knapp, denn die Norweger und die Finnen sind nur eine Sekunde dahinter. Seite an Seite starten die dritten Läufer in die nächsten zehn Kilometer, sie überholen, kontern die Manöver des Gegners, legen Zwischensprints ein, um ein paar Meter Abstand herzustellen.

Doch der ganze Einsatz der 200 000 ändert nichts. Als die Läufer zum letzten Mal einen Mannschaftskollegen auf die Reise schicken, liegen die Finnen vor den Italienern und den Norwegern, doch trennt sie weiterhin nur eine Sekunde. Nun ist Daehlie auf der Strecke, der Norweger, der gerne Fischen und Jagen geht und dafür bekannt ist, seine Beute schmackhaft zubereiten zu können. Er steht noch mehr als andere für diese Spiele. Vor einem Jahr, bei den Weltmeisterschaften in Falun, lieferte er sich ein Foto-Finish mit dem Kasachen Wladimir Smirnow. Der stand auf der Anzeigetafel schon als Sieger und gab Interviews, als der Titel doch Daehlie zugesprochen wurde. Dem war das fast peinlich, er lud Smirnow und dessen Familie zum Essen ein.

Jetzt hängt Daehlie gemeinsam mit dem Italiener Silvio Fauner den finnischen Schlussläufer Jari Isometsä ab; er wird eine Minute hinter den beiden Bronze gewinnen. Aber Fauner lässt sich nicht abschütteln. Daehlie versucht es mehr als acht Kilometer lang, aber bei einer Abfahrt kurz vor dem Ziel geht Fauner vorbei. Er biegt als Erster auf die rot-weiß- blaue Zielgerade ein, Daehlie wechselt in die Spur daneben, um auf den letzten 100 Metern vorbeizuziehen. Aber seine Kraft und der Lärm der Masse reichen nicht, das Unvorstellbare passiert. Fauner siegt, mit einer Skilänge – 0,4 Sekunden Vorsprung. Es ist still im Birkebeiner-Stadion. Aber nicht für lange. Dann freuen sich die Menschen auch mit den Siegern aus Italien und über die Silbermedaille. Wir sind schließlich im Wintermärchen. klapp

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