Olympische Momente : Als eine Hundertstel Gold entschied

Dass auch Männer weinen können, bewies der finnische Skilangläufer Juha Mieto 1980 in Lake Placid - er hatte allen Grund dazu.

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Er lächelte trotzdem. Juha Mieto (l.) neben Olympiasieger Thomas Wassberg und dem Norweger Ove Aunli (r.). -Foto: AFP

So sieht ein Natursportler aus: ein Bär von einem Mann, einssechsundneunzig groß und mit einem Bart, der eher schon wie ein Gesichtsfell aussieht. Bei wie viel Minusgraden er es erst als kühl empfindet, ist nicht bekannt. Aber diesen Mann, gestählt vom Training 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, haben die Olympischen Spiele zum Weinen gebracht.

Von Juha Mieto ist die Rede, dem vielleicht sportlichsten Bauern Finnlands. Sein Talent zum Langlaufen wollte er 1980 in Lake Placid endlich in eine olympische Goldmedaille im Einzel ummünzen, in der Staffel hatte er 1976 schon eine aus Innsbruck mitgenommen. 15 Kilometer klassisch, da sollte es klappen. Und Mieto legte ein grandioses Rennen hin, auch wenn die beste Zwischenzeit ein gewisser Jochen Behle aus Deutschland aufstellte, der jedoch nicht im Fernsehbild erschien, was den ZDF-Reporter Bruno Moravetz zu einer der bekanntesten Fragen der deutschen Sportberichterstattung veranlasste.

Nach 41 Minuten, 57 Sekunden und 64 Hundertstel lief Mieto durchs Ziel. Doch dann rauschte Thomas Wassberg heran, ein Schwede. Die Uhr lief und lief und blieb stehen bei 41 Minuten, 57 Sekunden und 63 Hundertstel. Eine Hundertstel Vorsprung also, Experten rechneten um, dass dies 3,3 Zentimeter ausmacht, und das nach 1,5 Millionen Zentimetern Weg. Mieto gratulierte höflich, doch er soll sich anschließend in den Wald begeben haben, um dort der verpassten Goldmedaille einige Tränen nachzuweinen.

Wassberg, ebenfalls höflich, erkannte die Tragik des Augenblicks und wollte den Unterlegenen nicht hinter sich lassen. Zwei Goldmedaillen solle es geben, schlug er dem Internationalen Olympischen Komitee vor, doch das lehnte ab. Die Regeln seien nun mal so. Auf Wassbergs Vorschlag für eine interessante Goldschmiedearbeit ließ sich dann Mieto nicht ein, nämlich Gold und Silber zu verschmelzen und sich beide Metalle zu teilen. Er habe nun mal verloren. Und so standen sie auf dem Podest, Wassberg in der Mitte und links neben ihm Mieto.

Immerhin wurde ein solches Vorkommnis ausgeschlossen, weil seitdem nur noch die erste Sekundenstelle hinter dem Komma zählt. Mieto hat dennoch seinen Platz im Herzen der Finnen gefunden, weil er ein Kämpfer ist, und vielleicht auch, weil dieser Moment der Schwermut gut in die Volksseele passt. teu

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