Olympische Momente : Als Witt die bessere Carmen war

Katarina Witt und ihre schärfste Rivalin Debi Thomas aus den USA interpretieren 1988 in Calgary in ihrer Kür „Carmen“, die feurige Tänzerin zur Musik von Georges Bizet. Spannender, dramatischer kann ein Duell nicht inszeniert werden.

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Foto: p-a/dpadpa

Der Rummel ist unglaublich. Katarina Witt ist noch nicht in Calgary gelandet, da hat schon eine Flut von Reporteranfragen die Mannschaftsleitung der DDR überrollt. Also organisieren die Funktionäre in ihrer Verzweiflung eine Pressekonferenz mit der attraktiven Eiskunstläuferin aus Karl-Marx-Stadt. Bei den Olympischen Spielen 1988 existiert ja noch der Klassenkampf. 608 Sitzplätze hat der „Archie Boyce Pavillon“, doch als sich Witt hinter einem Wald von Mikrofonen präsentiert, sitzen Reporter auch noch auf Treppenstufen.

Die 22 Jahre alte Olympiasiegerin von 1984, für Boulevardzeitungen „das schönste Gesicht des Sozialismus“, ist der absolute Star dieser Spiele. Und der Zufall rückt sie in die Hauptrolle eines Seifenoperstücks von Hollywood-Niveau. Witt und ihre schärfste Rivalin Debi Thomas aus den USA interpretieren in ihrer Kür „Carmen“, die feurige Tänzerin, zur Musik von Georges Bizet. Spannender, dramatischer kann ein Duell nicht inszeniert werden. Hier Witt, die Carmen klassisch spielt, mit Schmerz und Trauer, dort Thomas, die Lebensfreude ausstrahlen will und vom geflüchteten russischen Ballettstar Michail Baryschnikow beraten worden ist. Und natürlich gilt der Zweikampf auch als Stellvertreterkrieg, diesmal mit künstlerischer Note: Sozialismus gegen Kapitalismus

Der Zweikampf läuft zur prime time, der Sender ABC misst eine Quote von 40,2 Prozent, die zweithöchste, die je im Sport erreicht worden war. Katarina Witt ist so nervös, dass sie sich direkt vor ihrer Kür unzählige Male die Lippen mit ihrem knallroten Lippenstift nachzieht.

Der DDR-Star läuft zuerst. Die 22-Jährige absolviert ihre ersten Sprünge souverän, dann der Moment, der Eiskunstlaufgeschichte schreiben wird: Geschlagene 30 Sekunden lang flirtet sie mit den Preisrichtern und dem Publikum, eine unglaubliche Vorstellung. Schon vor der Kür hatte Alec McGowan, der Trainer von Debi Thomas, spitz angemerkt: „Es kann ein Vorteil für Witt sein, dass sieben der neun Preisrichter Männer sind.“ Das Publikum ist gebannt und verzaubert. Katarina Witt steht danach alle weiteren Sprünge, auch wenn sie den Rittberger nur zweifach springt. Dann sinkt sie theatralisch aufs Eis, tödlich getroffen durch den Messerstich des eifersüchtigen Don Jose. Die Menge jubelt begeistert.

Aber noch ist Debi Thomas nicht gelaufen. Der US-Star versucht, seinen Trainer abzuklatschen, schlägt aber daneben. Das ist der Moment, in dem Katarina Witt weiß: „Diese Kür wird missglücken.“ So kommt es auch, Debi Thomas ist nervös, sie verpatzt die erste Kombination, weitere Fehler folgen, dieser Carmen fehlen das Feuer und der Zauber. Die vermeintlich feurige Carmen ist in dieser Sekunde zu einer normalen Eiskunstläuferin geschrumpft, die am Ende auf Platz drei abrutscht. Silber gewinnt die Kanadierin Elizabeth Manley nach einer furiosen Kür.

Bei der Siegerehrung kommt’s dann zum Eklat, jedenfalls für Medien, Zuschauer und Funktionäre. Auf dem Podest streckt Katarina Witt ihre Hand zu Debi Thomas, um ihr zu gratulieren. Aber die US-Amerikanerin reagiert nicht. Die Öffentlichkeit ist empört. Katarina Witt aber, jedenfalls erzählt sie dies später, nimmt ihre tief enttäuschte Gegnerin innerlich in Schutz. Die habe wohl die ganze Zeremonie wie in Trance wahrgenommen. Wie auch immer, nachtragend wegen der Niederlage war Debi Thomas jedenfalls nicht. Viel später, als Preisrichterin, wertete sie auch beim letzten Profiwettkampf von Katarina Witt. Der alten Rivalin gab sie die höchsten Noten. fmb

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