Olympische Momente : Dan Jansen und der Lauf seines Lebens

1994 erfüllt sich der US-Eisschnellläufer seinen Traum und gewinnt Olympia-Gold. Damit endet für ihn ein lange Leidenszeit.

Marlen Keß
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Dan Jansen. -Foto: AFP

Calgary, 1988: Dan Jansen, 23 Jahre alter Eisschnellläufer aus den USA, geht als amtierender Weltmeister in das 500-Meter-Rennen. Doch er stürzt, nach gerade einmal acht Sekunden. Er rutscht in die Bande und schlägt die Hände vors Gesicht. Zur gleichen Zeit, im mehr als 1000 Kilometer entfernten Milwaukee, stirbt Jane Jansen an Leukämie. Noch am Morgen hatte Dan Jansen seine Schwester am Telefon gehabt, sprechen konnte sie nicht mehr, aber seine Stimme hören. Er wusste, es war das letzte Mal. Doch er wollte die 500 Meter, seine Spezialdisziplin, unbedingt laufen. Auch für sie. Vier Tage später startet er erneut, auf der 1000-Meter-Strecke – und stürzt wieder, deutlich in Führung liegend. Unmittelbar nach dem Rennen fliegt Dan Jansen nach Hause, zur Beerdigung seiner Schwester. Sein Traum, für sie olympisches Gold zu gewinnen, bleibt bestehen.

Die nächste Chance bietet sich 1992 in Albertville. Wieder startet Dan Jansen über die 500 Meter. Er fährt vorsichtiger, möchte nicht wieder stürzen und wird Vierter. Über 1000 Meter wird er nur 26. Er ist mittlerweile 27 Jahre alt und kann kaum noch vier Jahre warten, um sich seinen Traum zu erfüllen. Eine Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees kommt ihm zu Hilfe: zum ersten Mal finden Sommer- und Winterspiele nicht im gleichen Jahr statt, die nächsten Winterspiele werden auf 1994 vorverlegt.

Dan Jansen reist, 30-jährig, zu den vierten und letzten Olympischen Spielen seiner Karriere. Und wieder geht er als klarer Favorit und amtierender Sprintweltmeister auf die 500-Meter-Strecke. Er ist der einzige, der die 500 Meter unter 36 Sekunden laufen kann. Doch eine Medaille bleibt ihm abermals versagt: Er rutscht weg, berührt mit der Hand das Eis und kann zwar weiterfahren, wird aber nur Achter. Seine Hoffnungen sind dahin, für die 1000 Meter, die nie seine Spezialität waren, traut er sich keine Medaille zu.

Trotzdem läuft er – seine letzte Chance. Es ist der 18. Februar 1994, sechs Jahre und vier Tage nach dem Tod seiner Schwester Jane, in deren Namen er später eine Stiftung zur Bekämpfung von Leukämie gründen wird.

Als der Startschuss ertönt, beginnt für Dan Jansen das Rennen seines Lebens. Nach 600 Metern liegt er vorne, in Weltrekordzeit. Doch da rutscht er weg, berührt leicht das Eis – und stürzt nicht. Er erlangt sein Gleichgewicht wieder, läuft weiter. Zu Gold und einem neuen Weltrekord. Als er die Ziellinie überquert und seine Zeit auf der Anzeigetafel erscheint, jubeln sogar seine Rivalen. Das gesamte Publikum in der Halle in Hamar feiert ihn. Im Bericht des Internationalen Olympischen Komitees wird später stehen: „Unter den Zuschauern gab es keine Norweger, Niederländer, Amerikaner oder andere Nationalitäten, nur Dan-Jansen-Fans.“

Er hat es geschafft, in seinem letzten olympischen Rennen. Als er auf dem Podium steht, blickt er zum Himmel und winkt. Danach dreht er eine Ehrenrunde, mit seiner acht Monate alten Tochter im Arm. Sie heißt Jane. Marlen Keß

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