Olympische Momente : Das Miracle on Ice

Am 22. Februar 1980 war Lake Placid der Mittelpunkt der Welt. An diesem Tag spielte der Kalte Krieg stellvertretend Eishockey: USA gegen Sowjetunion.

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Unvergessen. Mit einer Collegeauswahl schlagen die US-Amerikaner 1980 das hochfavorisierte sowjetische Eishockeyteam. -Foto: AFP

Wie einen Schatz hüten sie die Stätte im verschlafenen Dorf Lake Placid. Die sattroten Sitze werden penibel poliert; immer noch bilden sie einen feinen Kontrast zur schneeweißen Eisfläche. Nur der muffige Duft in der kleinen Halle lässt erahnen, dass dieses an eben jenem Ort geschehene „Wunder“, wie es hier alle nennen, in diesem Februar 30 Jahre alt geworden ist.

Am 22. Februar 1980 war Lake Placid der Mittelpunkt der Welt. An diesem Tag spielte der Kalte Krieg stellvertretend Eishockey: USA gegen Sowjetunion. Doch was weltpolitisch stets ein heißer Kampf zu werden drohte, stellte sich bis dahin auf dem Eis recht einseitig dar. Bei den vorangegangenen vier Winterspielen holten die Sowjets jedes Mal Gold, keine Mannschaft der Welt war eingespielter als diese um Center Boris Michailow und Torhüter Wladislaw Tretjak. „Das Eis müsste schmelzen, damit die Amerikaner hier etwas holen“, schrieb die „New York Times“ vor dem Duell in der Finalrunde.

Das Eis aber hält in Lake Placid – die Partie beginnt wie erwartet: Der Sowjetunion gelingt das schnelle 1:0. Die Amerikaner gleichen aus, 2:1 Sowjetunion, wieder kommen die USA zurück. Und noch einmal. Dreimal holen die US-Amerikaner, deren Mannschaft nach dem siebten Platz bei der WM umgebaut wurde und fast nur aus Collegespielern besteht, einen Rückstand auf. Dann die 50. Minute: Mike Eruzione trifft; plötzlich liegt der krasse Außenseiter vorn. Und er wehrt sich danach, als ginge es um seine Existenz.

39:16 lautet das Torschussverhältnis am Ende – für die Sowjetunion; 4:3 das Ergebnis – für die USA.  Nicht der sowjetische Torwart Tretjak, sondern Jim Craig, der Goalie der Vereinigten Staaten, wird zum Matchwinner. Er hält den Sieg fest. Und auf ABC-Television kommentiert Reporter Al Michaels: „Fünf Sekunden noch in diesem Spiel! Noch vier! Glauben Sie an Wunder? Ja. Unglaublich!“ Ein Wunder auf dem Eis, das „Miracle on Ice“, war geboren. Nach einem 4:2-Erfolg über Finnland werden die USA mit einem Collegeteam tatsächlich Olympiasieger. Zum bislang letzten Mal.

Der zweimalige US-Torschütze Mark Johnsen wird 2010 in Vancouver das Frauenteam der Vereinigten Staaten zu Silber führen. Und Herb Brooks, der US-Trainer von 1980? Er erfährt 2005 eine letzte Ehrung. Zwei Jahre nach seinem tödlichen Autounfall wird das Olympic Center Eisstadion von Lake Placid in „Herb Brooks Arena“ umbenannt. Bis heute zeugt es von einem der emotionalsten Eishockeyspiele überhaupt. ks

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