Olympische Momente : Der Unfall und die mysteriöse Frau

Axel Lesser geht als zweiter Läufer der DDR-Langlaufstaffel in die olympische Loipe von Innsbruck. Das Ziel wird der damals 29-Jährige allerdings nicht erreichen - aus bis heute rätselhaften Gründen.

Marlen Keß
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Foto: Imago

Axel Lesser geht als zweiter Läufer der DDR-Langlaufstaffel in die olympische Loipe von Innsbruck. Es ist der 11. Februar 1976, und die Aussichten des Langlaufquartetts mit Gerd Heßler, Axel Lesser, Gerd Grimmer und Gerd-Dietmar Klause sind vielversprechend. Seit sieben Jahren trainieren sie zusammen, 1974 gewannen sie WM-Gold in Schweden. Nun gilt es, als erste deutsche Langlaufstaffel aufs olympische Podest zu kommen.

Nach dem ersten Wechsel liegt Lesser nur zwei Sekunden hinter der schwedischen Konkurrenz. Er fühlt sich gut und bewältigt den ersten Anstieg ohne Probleme. Nach 1500 Metern überholt er den schwedischen Läufer Christer Johansson – alles läuft nach Plan.

Lesser nimmt schwungvoll die erste Abfahrt, geht in die Knie und konzentriert sich auf seine Ski. Auf einmal kracht es laut und Lesser findet sich im Schnee der Loipe liegend wieder, ohne zu wissen, was passiert ist. Er rappelt sich auf und versucht, weiterzufahren. Erst jetzt spürt er den stechenden Schmerz im rechten Knie und die losen Zähne im Mund. Er fällt wieder hin, steht auf und schafft noch den nächsten Anstieg, bevor ihn ein Mannschaftsbetreuer aus dem Rennen nimmt.

Erst im Krankenhaus erfährt Axel Lesser, was geschehen ist: er ist mit einer unbekannten Frau zusammengestoßen, die die Loipe kreuzte und nach dem Zusammenprall im Wald verschwand. Lesser kann sich kaum erinnern, nur dass die Frau eine schwarze Brille und ein Funkgerät trug – Utensilien eines Streckenpostens, Trainers oder Teambetreuers. War der Unfall also geplant? Die Unglücksstelle war durch keine Fernsehkamera erfasst, die Frau konnte trotz Lautsprecheraufrufe der Veranstalter und Hilfe der hinter Lesser liegenden Läufer nicht gefunden werden. Die DDR legte damals keinen Protest ein und spätere Versuche, den Vorfall aufzuklären, scheiterten.

Axel Lesser hat für beides eine Erklärung: Eine Russin soll es gewesen sein. Dies hatte ihm jemand kurz nach dem Unfall zugerufen. An die kurz nach dem Rennen entstandene Version einer verirrten Skitouristin glaubt er nicht – ebenso wenig jedoch daran, dass der Zusammenprall mit Vorsatz herbeigeführt wurde. Einer der russischen Läufer hatte während des Rennens Probleme mit einer defekten Skibindung. Eine russische Betreuerin könnte ihm blindlings und entgegen der Laufrichtung zu Hilfe geeilt und mit Lesser zusammengestoßen sein. Keine Absicht also, ein Unfall – und Äußerungen Johanssons und des Finnen Juha Mieto sowie eines schwedischen Funktionärs stützen diese These. Lesser konnte diese Vermutung zu DDR-Zeiten allerdings nicht äußern – zu groß wäre die Gefahr gewesen, jemanden aus dem Bruderland Sowjetunion zu verdächtigen. So wird das Rätsel wohl nie gelöst werden, denn diejenigen, die es vielleicht hätten tun können – wie Manfred Ewald, der Leiter der Olympiamannschaft, oder DDR-Sportchef Rudi Hellmann – sind inzwischen tot.

Gold gewann übrigens die finnische Staffel vor Norwegen und der Sowjetunion. Axel Lesser hingegen ist nach dem 11. Februar 1976 wegen chronischer Knieschmerzen nie wieder ein Langlaufrennen gefahren. Marlen Keß

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