Olympische MOMENTE : Vier dicke Männer müsst ihr sein

So kann es nichts werden, das spürte Anderl Ostler nach ein paar Trainingsfahrten mit seinem Bob, und wo diese Erkenntnis herkam, konnte er genau sagen. „Das einzige Gefühl, das brauchst zum Fahren, das hast im Orsch.“ Also ließ der Bayer seine Gemütlichkeit Gemütlichkeit sein und berief eine Krisensitzung ein, mitten bei den Olympischen Spielen 1952 in Oslo.

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Foto: bpk/Bayerische Staatsbibliothek

So kann es nichts werden, das spürte Anderl Ostler nach ein paar Trainingsfahrten mit seinem Bob, und wo diese Erkenntnis herkam, konnte er genau sagen. „Das einzige Gefühl, das brauchst zum Fahren, das hast im Orsch.“ Also ließ der Bayer seine Gemütlichkeit Gemütlichkeit sein und berief eine Krisensitzung ein, mitten bei den Olympischen Spielen 1952 in Oslo. Es trafen sich Ostlers Viererbob Deutschland und Viererbob Deutschland II. Einziger Tagesordnungspunkt: Wie können wir die anderen besiegen in ihren modernen Bobs mit flexiblen Kufen, während wir noch mit alter Technik die Rinne runterrutschen?

Ostler wusste eine Antwort: Mit der Schwerkraft. Mensch besiegt Technik. Dafür müssten aus beiden Bobs die Schwersten zusammenkommen. Ostler, gelernter Metzger und Gastwirt, war mit 120 Kilogramm gesetzt. Außerdem hatte er kurz zuvor schon die Konkurrenz im Zweierbob gewonnen, was in die Geschichte einging, weil es die erste olympische Goldmedaille der jungen Bundesrepublik war.

Gegen Ostlers Vorschlag hatte allerdings der Pilot von Bob Deutschland II etwas, Franz Kemser. Es ging um innerbayerische Rivalität, beide konnten sich angeblich auch nicht besonders gut leiden. Aber am Ende kam es zu einer Lösung. Kemser fuhr einfach ebenfalls mit in Ostlers Bob, schwer genug war er jedenfalls. Bob Deutschland II wurde dadurch aufgelöst. Das Treffen ging als Fahrerkonferenz in die Geschichte ein, und die Ereignisse kamen dem Regisseur Marcus H. Rosenmüller so kurios vor, dass er 2006 darüber den Kinofilm „Schwere Jungs“ drehte.

Mit 472 Kilogramm Lebendgewicht fuhren sie dann zu Tal und wurden Olympiasieger. Bis heute ist kein Bob schwerer gewesen als ihrer und darf es auch nicht mehr sein, denn nach ihnen wurden Gewichtsobergrenzen eingeführt. Bessere Botschafter hätte die Bundesrepublik auch nicht finden können als die vier Dicken. Ihre Körper hatten eine klare Botschaft: Wir sind Wirtschaftswunder.

Nur konsequent war es da, dass Ostler bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1956 in Cortina d’Ampezzo die deutsche Fahne ins Stadion tragen durfte. Über Anderl Ostler gibt es noch mehr zu erzählen. Seine erste WM-Teilnahme 1950 in Cortina war geplatzt, weil sein Bob nicht rechtzeitig eintraf. In Cortina trug sich 1954 auch eine andere Begebenheit zu. Ostler, der nicht nur der Volksmusik, sondern auch dem Alkohol zugeneigt war und seinen olympischen Zweierbob „Cognac“ nannte, erschien morgens nicht zu den Ausscheidungswettkämpfen. Funktionäre und Journalisten suchten ihn in seinem Hotel auf, doch das einzige Echo ihres lauten Klopfens an der Zimmertür war ein Grunzen. Die Grainauer haben sich später beim Faschingsumzug darüber lustig gemacht mit einer Szene, die sie „Cortina am Betto“ nannten.

Zwischendurch schien den geselligen Bayern Ostler das Glück verlassen zu haben. Der Gasthof „Maria Theresia“ in Grainau, den er von seinen Eltern übernommen hatte, kam unter den Hammer. Später führte Ostler andere Gasthöfe weiter. Auch beim Bobfahren holperte es. Als die Weltmeisterschaft 1958 bei ihm um die Ecke in Garmisch Partenkirchen stattfand, stand er mit Anzug und Helm an der Strecke und hoffte vergeblich auf eine Mitfahrgelegenheit. Rennen ist Ostler, der 1988 starb, aber noch lange gefahren, auch wenn er sich nur schwer daran gewöhnen konnte, dass die Sieger nach Hundertstelsekunden ermittelt wurden. Die Maßeinheit beim Bobfahren blieb für ihn das Kilogramm. teu

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