Sport : Olympische Odyssee

Gerd Höhler

Das Internationale Olympische Komitee macht sich Sorgen. Denn es sieht so aus, dass die Sportstätten für die Sommerspiele 2004 in Athen nicht rechtzeitig fertig werden. Das IOC verlangt deshalb jetzt von den griechischen Organisatoren "präzise Zeitpläne" für die Fertigstellung der in Verzug geratenen Bauten.

Vor über vier Jahren bekamen die Griechen den Zuschlag für die Spiele. Aber immer noch sind zahlreiche Bauvorhaben nicht einmal in Angriff genommen worden. Das Medienzentrum und die Unterkünfte für die Journalisten existieren bislang nur auf dem Papier. Für das olympische Dorf, das 17 000 Sportler beherbergen soll, begann man jetzt erst mit den Erdarbeiten. Für zahlreiche Sportstätten gibt es bisher nur Zeichnungen.

"Es muss endlich gebaut werden", forderte Jacques Rogge bereits im Februar bei einem Inspektionsbesuch in Athen und warnte: "Weitere Verzögerungen darf es nun nicht mehr geben", hatte der Belgier gesagt, der inzwischen zum IOC-Präsidenten gewählt worden ist. Doch geschehen ist seither wenig. Kompetenzgerangel, Konfusion und Organisationschaos lähmen die Olympia-Vorbereitungen. Zahlreiche Bauvorhaben seien bereits "in Gefahr", stellte jetzt der Beauftragte des IOC für die Athener Spiele, Denis Oswald, fest. In einem Brief an die Präsidentin des Athener Organisationskomitees, Gianna Angelopoulos-Daskalaki, fordert der IOC-Inspektor jetzt "detaillierte Auskünfte darüber, wie die termingerechte Fertigstellung der in Verzug geratenen Projekte gesichert werden soll".

Doch es ist längst ein offenes Geheimnis, dass zahlreiche Olympia-Projekte nicht fristgerecht fertig werden. Sogar die zuständige Bauministerin Vasso Papandreou räumte jetzt ein, es werde "schwierig" sein, die geplanten Vorhaben rechtzeitig zu vollenden. Das gilt nicht nur für die noch ausstehenden Sportstätten. Vor allem zahlreiche Verkehrsprojekte sind heillos in Verzug. Ob die geplante S-Bahn-Verbindung zum neuen Athener Flughafen rechtzeitig fertig wird, ist fraglich. Die Aufträge zum Bau der versprochenen Straßenbahnlinien sind noch nicht einmal vergeben. Mit "großer Überraschung" habe das IOC zur Kenntnis genommen, dass die Griechen außerdem eine Reihe von Verkehrsprojekten, die in der Bewerbung fest zugesagt waren, nun einfach gestrichen haben. Dem Rotstift zum Opfer fielen unter anderem eine versprochene U-Bahn-Strecke zum Olympiastadion und eine Schnellstraße, die das olympische Dorf mit den Sportstätten verbinden sollte.

Dennoch drohen die Kosten für die Spiele weit höher auszufallen als ursprünglich veranschlagt. Der griechische Oppositionsführer Kostas Karamanlis erhob jetzt den Vorwurf, einige Projekte würden doppelt so teuer wie im Budget vorgesehen. Vorhaben, die eigentlich schon fertig sein sollten, seien noch nicht einmal in Angriff genommen worden, kritisierte der Politiker. Karamanlis forderte Ministerpräsident Kostas Simitis auf, das Parlament über die Probleme bei den Vorbereitungen zu informieren.

Simitis hatte erst Ende Oktober nicht weniger als sieben neue Staatssekretäre berufen, die sich vorrangig um die Olympia-Vorbereitungen kümmern sollen. Damit ist nach Einschätzung vieler Beobachter aber keineswegs eine Beschleunigung der Arbeiten garantiert, sondern eher neues Kompetenzgerangel programmiert.

Die neueste schlechte Nachricht: Jetzt trägt sich angeblich die Präsidentin des Athener Organisationskomitees, Angelopoulos-Daskalaki, mit Rücktrittsgedanken. Die Zeitung "Kathimerini" berichtete unter Berufung auf Informanten im Organisationskomitee, die Millionärsgattin habe erkannt, dass die Rückstände nicht mehr aufzuholen seien. Sie wolle das Handtuch werfen, um ihr Ansehen nicht aufs Spiel zu setzen. Wenn es nicht innerhalb der nächsten zwei Monate Fortschritte bei der Olympia-Planung gebe, werde sie zurücktreten, berichtet die Zeitung. Bereits in der Vergangenheit hatte Angelopoulos-Daskalaki die von der Regierung zu verantwortenden Verzögerungen bei den Olympia-Projekten kritisiert.

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