Sport : Olympische Spiele 2008: Türkische Geduld

Susanne Güsten

"Istanbul 2004" heißt es noch hoffnungsfroh auf kleinen Triumphbögen mit den olympischen Ringen in mehreren Parks der türkischen Metropole am Bosporus. Bisher ist niemand dazu gekommen, diese Überbleibsel der fehlgeschlagenen Bewerbung um die Olympischen Spiele von 2004 zu entfernen, denn das Nationale Olympische Komitee der Türkei ist vollauf mit der Bewerbung um die Spiele im Jahr 2008 beschäftigt. Es ist bereits die dritte Istanbuler Bewerbung in Folge - und dürfte auch nicht die letzte sein, denn die Chancen der Stadt stehen mal wieder schlecht.

Das Inspektionskomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) klammerte Istanbul in seinem Zwischenbericht bereits aus der Favoritengruppe aus, bevor das IOC am Freitag, den 13. Juli, über den Austragungsort entscheidet. Die türkischen Organisatoren wollen die Hoffnung aber nicht fahren lassen, dass die Spiele doch irgendwann einmal am Bosporus ausgetragen werden.

Das IOC hatte Istanbul ohnehin nur aus Mitgefühl in die Endausscheidung aufgenommen, als es im vergangenen August die Finalisten für die Spiele 2008 bestimmte. Beijing, Osaka, Toronto und Paris schafften es mit überzeugenden Bewerbungen in die Endrunde, doch für Istanbul drückten die sonst nicht gerade als weichherzig bekannten IOC-Mitglieder ein Auge zu. Schließlich sei die türkische Bewerbung so schlecht nicht gewesen, verteidigte ein IOC-Sprecher damals die Entscheidung. Weil die Stadt schon zweimal gescheitert sei, habe sich die Mehrheit des Komitees dafür ausgesprochen, sie trotz der schwächeren Qualität ihrer Bewerbung wieder zur Endrunde zuzulassen. So weit war Istanbul schon im Wettbewerb um die Spiele 2000 einmal gewesen; in der Endabstimmung flogen die Türken damals allerdings schon in der ersten Runde im hohen Bogen raus - mit einem noch schlechteren Ergebnis als der vernichtenden Niederlage für Berlin. Beim Anlauf für 2004 schaffte Istanbul es gar nicht erst in die Endrunde.

Aus diesen Fehlschlägen haben die Organisatoren im türkischen Olympia-Komitee eine Tugend gemacht: Keine andere Stadt habe so viel Erfahrung mit den olympischen Anforderungen, wie Istanbul sie durch die wiederholten Bewerbungen gesammelt habe, betonen sie. Außerdem beweise die Ausdauer der Stadt bei der Bewerbung, wie ernst es ihr mit dem Wunsch nach Ausrichtung der Spiele sei. Tatsächlich machen die Türken keine halben Sachen: Statt jede Bewerbung neu zu organisieren, hat das Parlament per Gesetz ein ständiges Vorbereitungskomitee geschaffen, das laufend an der Bewerbung für die jeweils nächsten Spiele arbeitet - bis es endlich klappt. "Wenn es mit 2008 auch wieder nichts wird, dann versuchen wir es eben für 2012 wieder", sagt der Komitee-Vorsitzende Sinan Erdem.

Istanbul hat bei seiner Bewerbung wirklich einiges zu bieten: die einzigartige Lage der Stadt auf zwei Kontinenten, den kulturellen Reichtum ihrer 3000-jährigen Geschichte, ihre jugendliche Bevölkerung und ihre schiere Begeisterung für das Projekt. Ein modernes Stadion mit 80 000 Plätzen und eine weitere Halle mit 22 000 Plätzen sind schon fast fertiggestellt, wie auch die Pläne für das Olympische Dorf, das aber erst nach einem Zuschlag gebaut werden soll. Die Radrennstrecke soll zwischen byzantinischen Palästen und osmanischen Moscheen durch die Altstadt führen, das Strandvolleyball-Turnier würde an den Mauern des berühmten Topkapi-Palastes ausgetragen.

Dennoch dürften auch diesmal wieder die Nachteile überwiegen. Istanbul liegt an einer der aktivsten seismischen Verwerfungslinien der Welt und hatte erst vor knapp zwei Jahren um die 1000 Todesopfer bei einem Erdbeben zu beklagen. Zwar brüstet sich die Zwölf-Millionen-Metropole mit einem Polizeiaufgebot von fast 50 000 Mann als sicherste unter den Bewerberstädten, doch muss sie auch ein außergewöhnlich breites Spektrum an Bomben werfenden Terrorgruppen der linken, rechten und religiösen Überzeugungen ihr Eigen nennen.

Selbst einige ihrer Vorteile bergen zugleich Nachteile: Der symbolisch und ästhetisch reizvolle Spagat zwischen Europa und Asien macht Verkehr und Logistik für ein olympisches Besucheraufkommen zu einem noch ungelösten Problem. Die reiche Kulturgeschichte der Stadt erschwert den Bau einer modernen Infrastruktur zusätzlich. So wurden beim Bau des Olympia-Stadions schon versehentlich Höhlen zubetoniert, die zu den ältesten Siedlungsstätten der Menschheitsgeschichte zählen könnten.

Die IOC-Inspektoren meldeten bei ihrem Besuch im März diesen Jahres vor allem Bedenken gegen die enormen Verkehrsprobleme der Stadt an. In ihrem Bericht an das IOC machten sie außerdem Zweifel geltend, dass die Türkei in ihrer tiefen Wirtschaftskrise die zehn Milliarden Dollar aufbringen kann, die noch in das Transportwesen gesteckt werden müssten. Vor der IOC-Entscheidung tendieren die Chancen Istanbuls daher gegen Null. Die türkischen Organisatoren lassen sich aber nicht entmutigen. "Wenn es nicht 2008 wird, dann wird es eben ein anderes Mal klappen", sagt Komitee-Chef Erdem und bereitet sich schon einmal auf die nächste Niederlage vor. "Aber ich will es auch noch erleben - und ich bin schon 74 Jahre alt."

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