Olympische Spiele 2016 : Obama wirbt für Olympia in seiner Heimatstadt

Rio de Janeiro, Madrid, Tokio oder Chicago? Das IOC bestimmt den Gastgeber der Olympischen Spiele 2016. Der Favorit aus den USA trumpft mit einem besonderen Werber.

Im 115. Jahr der modernen Olympia-Geschichte steht das IOC vor einer historischen Entscheidung: In Kopenhagen befindet das Internationale Olympische Komitee über den Austragungsort der Olympischen Spiele 2016 und damit über die Erweiterung der olympischen Welt oder das Festhalten an Bewährtem: Ein Wahlsieg des Sympathieträgers Rio de Janeiro würde das olympische Spektakel erstmals nach Südamerika bringen. Eine Entscheidung für den Mitfavoriten Chicago, Tokio oder Madrid wäre ein Votum für Kontinuität und Bewährtes. Jede IOC-Stimme für eine dieser Stadt wäre in den aktuellen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten ein Votum für Mehreinnahmen.

Der prestigeträchtige Vierkampf dürfte sich am Ende – gegen 19 Uhr will IOC-Präsident Jacques Rogge das Ergebnis verkünden – wohl zwischen Rio de Janeiro und Chicago entscheiden. Beide Städte gelten als Favoriten und beide bieten bei ihrer Abschlusspräsentation in Kopenhagen prominente Unterstützung. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva wirbt seit Donnerstag in der dänischen Hauptstadt für Südamerika und trifft dort nun auf seinem Amtskollegen aus Washington: Barack Obama ist höchstpersönlich nach Europa geflogen, um für seine langjährige Heimatstadt Chicago zu werben.

In seiner Rede warb der US-Präsident eindringlich für seine Heimatstadt. Er äußerte die "dringende Bitte", die Olympischen Spiele 2016 "an Chicago, an die USA zu vergeben". Er könne versprechen, dass "wir uns dieser Ehre würdig erweisen werden". Olympische Spiele in Chicago würden "das beste Amerika zeigen. Ein weltoffenes Land, in dem sich die Besucher aus aller Welt willkommen fühlen würden". Es gehe darum, das "Bild von Amerika wieder herzustellen. Die fundamentale Wahrheit ist in den letzten Jahren etwas verloren gegangen". Vor der Presse zeigte sich der mächtigste Mann der Welt sehr zufrieden: "Chicago hätte keine bessere Präsentation machen können. Ich bin stolz."

Obamas kurze Ansprache an die 104 IOC-Mitglieder stand im Mittelpunkt der Präsentation, bei der seine Frau Michelle mit einer sehr persönlichen Rede einen weiteren Höhepunkt setzte. Als Tochter eines behinderten Vaters habe sie ein Vorbild gehabt, das seinen Kindern die Werte des Sports vermittelt habe. "Ich möchte Sie bitten, Chicago zu wählen, unser Land zu wählen. Ich sage das nicht nur als First Lady, sondern auch als Mutter und als Tochter meines Vaters, meinem Helden."

Für seine fünfstündige Kurz-Visite hat Obama Dänemarks Hauptstadt stundenlang gelähmt. Seine olympische Dienstreise löst eine der größten Sicherheitsoperationen in Kopenhagens Geschichte aus. Mehr als 3000 Polizisten sind aufgeboten, dazu 250 bewaffnete Kräfte aus den USA. Immerhin hat der erste Auftritt eines US-Präsidenten vor dem IOC die Siegchancen der amerikanischen Metropole wieder steigen lassen. Zugleich spielt Obama mit seinem Last-Minute-Einsatz ein riskantes Spiel: Ein Sieg würde sein nationales und internationales Prestige stärken, eine Niederlage ihn innenpolitisch weiter schwächen.

Neben Chivago gilt vor allem Rio deJaneiro als Hauotfavorit. Es ist Rios fünfter Versuch, Olympia-Gastgeber zu werden – und diesmal soll es klappen. Präsident Lula, der in Kopenhagen von Fußballlegende Pelé und dem brasilianischen Bestsellerautor Paulo Coelho begleitet wird, gab sich kurz vor der Entscheidung entschlossen. "Ja, wir können", formulierte der prominenteste Streiter Rio de Janeiros in Anlehnung an den Wahlkampfslogan seines US-Amtskollegen. "In Brasilien waren wir gewohnt zu sagen: Nein, wir können nicht, wir sind arm, so als wären wir Bürger zweiter Klasse. Aber diesmal wollen auf die Welt blicken und sagen: Ja, wir können – und wir werden diese Olympischen Spiele ausrichten."

Lula verwies auch auf die wirtschaftliche Erfolge seines Landes. "Jeder auf der Welt weiß, dass Brasilien heute in einer besseren Situation ist als viele anderen Länder." Während in vielen Staaten die Arbeitslosigkeit steige, würden in Brasilien in diesem Jahr eine Million neuer Arbeitsplätze entstehen. Europa und die USA seien schon oft Ausrichter Olympischer Spiele gewesen; nur Brasilien habe als einziges Land unter den weltweit zehn größten Wirtschaftsnationen die Spiele noch nicht bekommen.

Vor allem diese geopolitischen Gründe sprechen für Rio de Janeiro, in der 100.000 den Olympiasieg feiern wollen. Als Minuspunkte gelten jedoch die schlimme Kriminalitätsrate mit 5700 Morden im vergangenen Jahr und die notwendige Großinvestition von 9,6 Milliarden Euro, vor allem in die Verbesserung der Infrastruktur. Zudem wird Rio nach der Fußball-WM 2014 in Brasilien eine schwierige Doppelbelastung attestiert. Ein Triumph Chicagos wiederum garantiert dem IOC einen lukrativeren Deal mit dem US-Fernsehen und US-Sponsoren.

Doch egal, ob Rio de Janeiro, Chicago, Madrid oder Tokio – die Werbekampagnen haben die Städte mehr als eine Viertel Milliarde Dollar gekostet. Neben dem brasilianischen und dem US-amerikanischen Präsidenten werden auch Spaniens König Juan Carlos und der japanische Ministerpräsident Yukio Hatoyama nach Dänemark reisen. Angesichts des Obama-Faktors und vielen unentschiedenen IOC-Mitgliedern lassen sich inzwischen alle Bewerber verheißungsvolle Versprechen entlocken. Tokios Olympia-Planer versichern mit einem Hinweis auf ihr "revolutionäres Umweltprojekt" sogar: "Unsere Spiele werden die Welt retten."

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, Reuters

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