Olympische Spiele : „Der Sport darf kein politischer Knüppel sein“

Thomas Bach, Präsident des Deutschen Sportbundes (DOSB) und Vizepräsident des Internationalen Olymoischen Komitees (IOC), über stille Diplomatie und verbotene Proteste in China.

Thomas Bach
Thomas Bach, deutscher Sportchef und IOC-Vizepräsident. -Foto: dpa

Herr Bach, was haben Sie gedacht, als Sie die Proteste gegen die Entzündung des olympischen Feuers gesehen haben?

Ich war nicht dabei, aber überrascht hat mich diese Aktion nicht. Dass es angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Tibet zu Protesten kommt, war absehbar. Ich hatte allerdings mit Tibetern gerechnet, nicht mit Vertretern einer journalistischen Aktivistenorganisation.

Beschleichen Sie nicht langsam Zweifel an der Ausrichtung der Spiele in Peking?

Nein. Auch im Internationalen Olympischen Komitee gibt es zwei Denkschulen. Diese Diskussion haben wir 2001 vor der Vergabe geführt. Die einen sagen, man darf Spiele nicht einem Land geben, bevor dort die Menschenrechte nicht verwirklicht sind. Die anderen meinen, die Spiele könnten helfen, ein Land zu öffnen.

Welcher Denkschule hängen Sie an?

Wahlen sind bekanntlich geheim.

Nach der gewaltsamen Unterdrückung der Unruhen in Tibet appelliert das IOC an China. Ist das nicht zu wenig?

Das IOC tut ja mehr. Wir betreiben stille Diplomatie, weisen die chinesischen Verantwortlichen auf die Menschenrechtslage hin. Wir fordern einen Gewaltverzicht und eine Lösung im Dialog. Und eines muss auch klar sein: Die Aufmerksamkeit, die China und seinen Problemen jetzt gewidmet wird, hängt mit den anstehenden Olympischen Spielen zusammen. Es gibt viele Themen in der Weltpolitik: die Krise in Darfur, die Anschläge im Irak, der ungelöste Nahost-Konflikt. Wir aber reden gerade alle über China, weil die Spiele dort stattfinden. Genau deshalb glaube ich, dass das IOC richtig handelt. Bald werden 25 000 Medienvertreter und Hunderttausende Besucher nach Peking reisen, um ihre Sicht der Dinge in die Welt zu tragen. Der Druck auf China wird also noch zunehmen.

Das IOC setzt auf friedlichen Dialog. Aber verweigert sich China nicht gerade diesem?

Welche Alternativen gibt es? Wer glaubt, durch Isolation etwas zu erreichen, ist auf dem falschen Weg. Wenn die Spiele abgesagt oder boykottiert würden, werden die Schweinwerfer der Weltöffentlichkeit, die sich jetzt auf China richten, wieder abgedreht. Das kann niemand wollen.

Aber das IOC muss sich doch bekennen, um glaubwürdig zu bleiben. Schließlich ist in der olympischen Charta der Schutz der Menschenrechte festgeschrieben.

Die olympische Charta bezieht sich auf die Mittel des Sports. Das IOC hat nicht den Anspruch und nicht das Mandat, eine Weltregierung zu sein, und die olympische Charta ist nicht die Weltverfassung. Wir können nur regeln, wie sich der Sport für Menschenrechte einsetzt.

Durch wegschauen?

Das ist nicht wahr. Das IOC und der Deutsche Olympische Sportbund haben deutliche Worte gefunden. Und jedem Sportler steht es frei, sich zu äußern, und zwar vor, während und nach den Spielen. Hier muss allerdings auch die olympische Charta beachtet werden. Politische Demonstrationen an Wettkampfstätten sind untersagt.

Sportler und Politiker tragen sich mit dem Gedanken, die Eröffnungsfeier zu boykottieren oder dort ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Wäre das nicht sinnvoll?

Die Spiele müssen politisch neutral sein. Das ist nun einmal ihr Wesen. Wir wollen ja auch nicht, dass bei der Eröffnungsfeier Sportler die Porträts ihrer politischen Führer durchs Stadion tragen oder Diktaturen für sich werben.

Aber China wird die Eröffnungsfeier in eine Propagandashow verwandeln.

Jeder wird sich sein eigenes Bild machen können. Die Eröffnungsfeier wird live von allen Fernsehanstalten der Welt übertragen und kommentiert.

Sollte man nicht gegen die Verletzung elementarer Rechte protestieren?

Wenn wir politische Kundgebungen bei der Eröffnungsfeier zulassen, verletzen wir das Gebot der politischen Neutralität. Und eine Grenzziehung zu unerwünschten Kundgebungen wäre unmöglich.

Die Sportler sollen sich also zurückhalten?

Nein, sie sollen sich äußern. Sie sollen vor allen Dingen im olympischen Dorf mit den anderen Athleten diskutieren. Ich war selbst Athletensprecher und trete für den mündigen Athleten ein.

Ist es nicht einfach so, dass dem organisierten Sport die Sponsoren wichtiger sind als die Menschenrechte?

Das ist eine Unterstellung, die ich entschieden zurückweise. Abgesehen davon würde das IOC einen Ausfall der Olympischen Spiele wirtschaftlich verkraften. Aber ein Boykott bringt politisch nichts.

Herr Bach, Sie haben als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes einen Boykott der deutschen Mannschaft ausgeschlossen. War das nicht voreilig?

Nein, es war wichtig und richtig, diese Grundsatzfrage zu entscheiden. Der Sport darf nicht als politischer Knüppel missbraucht werden. Ein Boykott ist kontraproduktiv für jedes hehre Ziel. Deshalb wird er auch von keinem politisch Verantwortlichen gefordert. Selbst der Dalai Lama hat sich dagegen ausgesprochen.

Sehen das Ihre Sportler auch so?

Ja. Der gewählte Sprecher der Aktiven begrüßt unser klares Bekenntnis und trägt es mit. Und ich weiß aus meiner aktiven Zeit als Athlet, dass ein Boykott wie damals 1980 gegen die Spiele in Moskau nichts bringt. Kein Boykott einer Sportveranstaltung hat jemals etwas Positives bewirkt, das waren grandiose Misserfolge.

Warum empfängt das IOC nicht den Dalai Lama?

Wir sind keine politischen Vermittler, wir repräsentieren nur den Sport. Der Sport kann nicht Probleme lösen, die die Politik seit Jahrzehnten nicht gelöst hat.

Herr Bach, glauben Sie noch an fröhliche Olympische Spiele?

Es werden mit Sicherheit keine Spiele sein, bei denen nicht diskutiert wird. Wir wollen aber auch gar kein Fest der leeren Fröhlichkeit, sondern Spiele mit Inhalten. Das können diesmal durchaus die Menschenrechte sein.

Das Gespräch führte Robert Ide.

Thomas Bach, 54,

ist Präsident des

Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

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