Olympische Spiele : Eine Fackel auf Abschiedstournee

Der Tibet-Konflikt und seine Folgen: Um Protesten aus dem Weg zu gehen, wird das Feuer künftig wohl nicht mehr um die ganze Welt getragen.

Benedikt Voigt
Flamme
Noch geht die Reise weiter. -Foto: AFP

PekingAls sich gestern Vormittag die schweren Holztüren vor dem Konferenzsaal des China World Hotel schlossen, blieb das wichtigste Thema draußen. Die Delegierten der Vollversammlung der 205 Nationalen Olympischen Komitees (Anoc) diskutierten in Peking über Akkreditierungen, Flugkosten und Regeln für importierte Lebensmittel. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sprach über eines seiner Lieblingsthemen, die olympischen Jugendspiele. Erst als sich die Türen wieder öffneten, war das wichtigste Thema wieder da: die massiven Proteste gegen den Fackellauf.

„Die Vorfälle machen mich sehr traurig“, sagte Rogge, „das Symbol, das für Frieden und Freiheit steht, ist angegriffen worden.“ Am Montag war in Paris die Fackel nach heftigen Protesten mehrfach erloschen, der Lauf musste vorzeitig abgebrochen werden. Ein Ereignis, das Konsequenzen haben könnte. „Die IOC-Exekutive wird das Thema Fackellauf besprechen“, sagte Rogge, „es wäre unverständlich, wenn wir uns nach der sechsten oder siebten Etappe nicht damit beschäftigen würden.“ Selbst den Abbruch des gesamten oder des internationalen Teils des Laufs wollte der Belgier nicht mehr ausschließen. „Wir werden analysieren, was passiert ist und die notwendigen Schlüsse ziehen“, sagte er.

In der Zwischenzeit drohen weitere Demonstrationen. In San Francisco spannten gestern Free-Tibet-Aktivisten auf der Golden Gate Bridge zwei Banner auf. Für den heutigen Fackellauf durch die Stadt mit der größten chinesischen Bevölkerung in den USA werden massive Störungen erwartet. Peter Ueberroth, Präsident des US-amerikanischen Nationalen Olympischen Komitees USOC, ist am Montag unplanmäßig von Peking nach San Francisco gereist und hat die Details der einzigen Etappe in den USA telefonisch mit US-Präsident George Bush besprochen. San Franciscos Bürgermeister Gavin Newsom erklärte, die Route der Flamme kurz vor und während des Laufs ändern zu können, um Störungen zu entgehen. In Hongkong teilte das örtliche Olympiakomitee mit, dass die Polizei auch Gewalt anwenden könnte, falls die Flamme von Demonstranten angegriffen wird.

„Ich kann mir vorstellen, dass es Diskussionen über die Fortsetzung des Laufs gibt, aber man darf vor der Gewalt nicht zurückweichen“, sagte Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und IOC-Vizepräsident. Die Olympiaorganisatoren wollen den Fackellauf fortsetzen. 15 internationale Städte stehen noch auf dem Programm, ehe die Flamme Anfang Mai in Sanya Festland-China erreichen wird. Bach zeigte sich geschockt von den Ereignissen. „Gewalt ist in jeder Form inakzeptabel“, sagte er, „die Flamme ist ein olympisches Symbol und kein chinesisches.“ Als „Reise der Harmonie“ hatten die Organisatoren den Fackellauf angekündigt, doch für die Demonstranten ist er längst ein Symbol chinesischer Politik geworden.

„Ich glaube nicht, dass die Flamme durch die ganze Welt getragen werden muss“, sagte das israelische IOC-Mitglied Alex Gilady, „warum bringt man sie nicht nur durch das Gastgeberland?“ 2004 ist die Route erstmals stark erweitert worden. In diesem Jahr wird die Fackel erstmals durch alle Kontinente getragen. „Die NOKs waren schon vor vier Jahren dagegen“, sagte die Schwedin Gunilla Lindberg, Mitglied der IOC-Exekutive, „man sollte noch einmal darüber nachdenken.“

In China weigert man sich, das aktuelle PR-Desaster offiziell wahrzunehmen. „Französische Leidenschaft begrüßt die Flamme in Paris“, titelte die staatlich zensierte Zeitung „China Daily“ am Dienstag und berichtete: „Zehntausende Pariser füllten die Straßen, viele winkten und jubelten.“ Der Lauf habe sich erst später Protesten „tibetischer Separatisten“ gegenübergesehen. Die Reaktion des chinesischen Außenministeriums fiel ähnlich aus. Dessen Sprecherin Jiang Yu verurteilte die Unterbrechung des Fackellaufs durch „tibetische separatistische Kräfte“. Zuvor hatte sie erklärt: „Freudig willkommen geheißen von der britischen und französischen Bevölkerung, wurde der Fackellauf am 6. beziehungsweise 7. April in London und Paris sicher beendet.“

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