Olympische Spiele : Glanz kommt nicht von Geld

Olympia muss nicht die Probleme der Welt lösen. Aber es muss sie wahrnehmen, um seine Symbolbilder glaubhaft zu transportieren. Nur wenn der IOC dies einsieht, hätten die Spiele von Rio doch noch ihr Vermächtnis. Ein Kommentar.

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IOC-Präsident Thomas Bach.
IOC-Präsident Thomas Bach.Foto: AFP

Was wird bleiben von Rio de Janeiro, woran wird man sich erinnern? Sicher an das letzte große Aufglühen des olympischen Stars Usain Bolt. An die vielen kleinen und großen Dramen, etwa das des Turners Andreas Toba, der mit dem Kreuzbandriss weitermachte. Aber auch an Pfiffe gegen die russische Schwimmerin Julija Jefimowa und halbvolle Arenen, die oft nur durch einen Zaun von den Armutsvierteln der Stadt getrennt waren.

Wenn Olympia nur eine glanzvolle Artistikshow sein soll, dann war Rio mit seinen vielen Widersprüchen nicht die beste Kulisse. Der besondere Zauber, der über alle Probleme und Verdächtigungen hinwegschauen lässt, konnte sich in Brasilien nicht einstellen, bei den wirtschaftlichen und politischen Problemen, die das Land plagen. Die Brasilianer haben dennoch versucht, gute Gastgeber zu sein, im Rahmen ihres begrenzten Budgets und ihrer begrenzten Begeisterung für viele ihnen weitgehend unbekannte Sportarten.
Dass die Spiele von Rio nicht den großen Glanz ausstrahlten, das hat zuallererst das Internationale Olympische Komitee (IOC) selbst zu verantworten. Sein Präsident Thomas Bach ist ein geschickter Taktierer, als großer Visionär ist er bisher nicht in Erscheinung getreten. Das IOC hat unter Bach nicht einmal den Versuch unternommen, durch die ersten Spiele in Südamerika neue olympische Werte wie Bescheidenheit und Sparsamkeit zu propagieren. Dabei war die Gelegenheit da, sie als bewussten Gegenentwurf zum Milliardenpomp in Peking, London und Sotschi zu präsentieren.

Die Spiele von Rio werden es schwer haben, ein besonderes Vermächtnis zu hinterlassen. Sie sind einfach irgendwie passiert, und das sollte das IOC aufschrecken, denn es bedroht sein Geschäftsmodell. Olympia braucht eine Vision, einen ideellen Überbau, ein Leitmotiv, um mehr zu sein als ein schnödes Sportfest.

In der olympischen Charta wird Sport als Menschenrecht proklamiert, doch es manifestiert sich der Eindruck, dass dem IOC ethische Grundsätze nicht besonders wichtig sind. Umweltschutz war das Motto der Eröffnungsfeier, es stammte allerdings nicht vom IOC, sondern vom brasilianischen Regisseur Fernando Meirelles. Die Bauland- und Umweltschutzskandale in Rio haben Bach & Co genauso wenig interessiert wie die Affäre um die russischen Staatsdoper, die durch die Hintertür eingeschleust wurden.

Mit dieser institutionellen Ignoranz höhlt das IOC den Wert seines Produkts aus.

Die olympische Identitätskrise zeigt sich am stärksten bei den Winterspielen, die aus Angst vor großen Eingriffen in die Natur kaum noch jemand haben will. Auch in Deutschland hatte das Volk den Daumen gesenkt. Die nächsten Winterspiele finden nun eben in zwei Jahren in Pyeongchang in Südkorea statt, dem Sitz des IOC-Hauptsponsors Samsung. Welchen Mehrwert können sie transportieren außer den der Geldvermehrung?
Wenn die Spiele der Antike in der Neuzeit relevant bleiben wollen, werden sie mit der neuen Zeit gehen müssen. Die Welt wird smart und lässt sich nicht mehr so leicht blenden. Um Olympia auch künftig Bedeutung zu verleihen, wird ein olympischer Fernsehkanal zur besseren Vermarktung nicht reichen. Das IOC als globales Unternehmen wird sich klar in Wort und Tat positionieren müssen zu den Themen der Gegenwart, zu Ressourcenverbrauch und Lebensverhältnissen der Menschen. Jedes gerodete Naturschutzgebiet, jeder Kniefall vor autoritären Systemen lässt den Glanz von Olympia ein bisschen mehr verblassen. Auch die Symbolkraft des IOC-Flüchtlingsteams verpufft, wenn man weiß, wie viele Menschen in Rio durch die Baustellen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Olympia muss nicht die Probleme der Welt lösen. Aber es muss sie zumindest wahrnehmen, um seine Symbolbilder glaubhaft zu transportieren. Ob sich diese Erkenntnis nun auch im IOC durchsetzt? Dann hätten die Spiele von Rio doch noch ihr Vermächtnis.

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