Olympische Spiele : Gold ist nicht alles

Die chinesische Sportführung glaubt nicht mehr an Platz 1 im Medaillenspiegel.

Frank Hollmann

PekingPlatz drei in Sydney, Rang zwei in Athen – bei den Olympischen Spielen im eigenen Land 2008 erwarten Chinas Medien und Sportfans wie selbstverständlich den nächsten Sprung: Platz eins in der Nationenwertung vor den USA. Doch das sei unrealistisch, dämpfen jetzt selbst höchste Sportfunktionäre. „Die Öffentlichkeit überschätzt die Goldchancen angesichts des Heimvorteils“, erklärte unlängst Cui Dalin, der stellvertretende Sportminister.

Tatsächlich stagnieren Chinas Athleten vor allem dort, wo besonders viele Medaillen vergeben werden, insbesondere in der Leichtathletik. Als Weltrekordler Liu Xiang vor vier Jahren in Athen über 110 Meter Hürden Chinas erstes Leichtathletikgold gewann, feierte das Riesenreich diesen Erfolg als Durchbruch. Doch ein Jahr vor den Spielen 2008 ist Liu immer noch Chinas einziger Siegeskandidat in der Leichtathletik. Realistische Medaillenchancen hätten momentan nur noch die Geherinnen Liu Hong und Jiang Jing. Nicht mal zehn Leichtathleten aus China rangieren zurzeit unter den Top 20 der Welt.

Die Schwimmer sind auch nicht besser. Nach den Erfolgen in den Neunzigerjahren, der Hochzeit der chinesischen Dopingskandale, gingen sie bei der letzten WM in Melbourne baden. Nur wenige konnten so überzeugen wie Wu Peng, der sich über 200 Meter Schmetterling nur dem Ausnahmeschwimmer Michael Phelps geschlagen geben musste. Nach dieser WM ohne Sieg forderten Chinas Medien die Ablösung des Cheftrainers.

In Athen errang Chinas Team zwar nur vier Goldmedaillen weniger als die USA, im Medaillenspiegel aber war der Abstand größer. Die USA holten 39 Silber- und 29 Bronzemedaillen, China dagegen nur 17 beziehungsweise 14. Selbst Russland war erfolgreicher. Realistisch werde man 2008 mit Deutschland, Australien oder Frankreich um Rang drei der Nationenwertung kämpfen, sagte Cui. In den traditionell starken Disziplinen wie Tischtennis, Turmspringen oder Turnen können Chinas Athleten kaum mehr Medaillen gewinnen. Auch im Schießen, Badminton, Gewichtheben oder Ringen gehört die Volksrepublik zu den führenden Nationen. Dort, wo sie noch Defizite sahen, verpflichteten Chinas Sportfunktionäre ausländische Spitzentrainer wie den langjährigen Kanu-Bundestrainer Josef Capousek oder den Erfolgscoach der italienischen und französischen Säbelfechter Christian Bauer.

Das aber hat kaum Wirkung gezeigt, kritisierte „China Daily“. Tatsächlich machten Chinas Sportler kaum Fortschritte in ihren schwachen Disziplinen. Zu den Ausnahmen zählen die Ruderer und Mountainbike-Fahrerinnen. Insgesamt habe sich der chinesische Sport im Vergleich zu den Spielen von Athen nicht entscheidend verbessert, stellt Cui Dalin fest, „trotz aller Anstrengungen.“ Nun hofft der Vizeminister, dass das chinesische Publikum auch zufrieden ist, solange die chinesischen Athleten nur ihr Bestes geben. Er betont: „Gold ist nicht alles.“

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