Olympische Spiele in London : Das East End zeigt die Zähne

London ist für die Olympischen Spiele gerüstet. Aber viele Bewohner im Osten der Stadt sind ziemlich entsetzt darüber, was aus ihrem romantischen Viertel geworden ist.

Philip Oltermann
Der ungewöhnliche Aussichtsturm neben dem Olympiastadion ist Londons neueste Touristen-Attraktion.
Der ungewöhnliche Aussichtsturm neben dem Olympiastadion ist Londons neueste Touristen-Attraktion.Foto: Reuters

Wer im grünen Lea Valley im Nordosten Londons spazieren geht, dem bietet sich ein bemerkenswertes Panorama. Auf einer kleinen Insel zwischen zwei Flussausläufern schnellt ein korbförmiges Stadion mit weißem Gerippe aus dem Boden. Links davon steht eine 115 Meter hohe, wilde Skulptur aus Stahl. Noch weiter östlich zwei kleinere Gebäude mit wellenförmigen Dächern: das futuristisches Hallenbad der Architektin Zaha Hadid und ein gewagt geschwungenes Velodrom mit Holzverkleidung, unter Anwohnern bereits als „the Pringle“ bekannt, der Kartoffelchip.

Es lässt sich nicht übersehen: London hat sich gerüstet für die Olympischen Spiele, die am 27. Juli beginnen. Aber ebenso wenig ist zu übersehen, dass in diesem Teil der Stadt nicht jeder damit einverstanden ist. Das Panorama wird durch einen alten Fabrikschornstein vollendet, auf den ein Straßenkünstler ein Graffiti gesprayt hat: ein riesiges Gebiss mit rosa Zahnfleisch. Das East End zeigt Olympia die Zähne.

Das East End ist für Londoner mehr als nur ein Stadtteil. Im Zweiten Weltkrieg durch deutsche Bomben schwer beschädigt, sagt man den Anwohnern ein außergewöhnliches Durchhaltevermögen und einen einmaligen Gemeinschaftsgeist nach – der berühmte „Blitz Spirit“ der Londoner findet seinen Ursprung im Osten. Jedes englische Kind weiß, dass der damalige Premier Churchill nach dem ersten Bombenangriff auf London diese Gegend besuchte, um die aufopferungsvolle Haltung der einheimischen Arbeiter, der „Cockneys“ zu ehren.

London 2012 - Die Sportstätten für Olympia
In der Mitte des Olympiaparks in London wird die 115 Meter hohe Skulptur "The Orbit" errichtet, sie ist höher als die Freiheitsstatue in New York. Auf zwei Aussichtsplattformen können sich die Besucher einen Überblick über den Olympiapark verschaffen.Weitere Bilder anzeigen
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18.04.2012 16:11In der Mitte des Olympiaparks in London wird die 115 Meter hohe Skulptur "The Orbit" errichtet, sie ist höher als die...

Echte Cockneys findet man in Ost-London inzwischen selten: Die Romantik der Gegend zieht seit Jahren Künstler, Musiker und andere Bohemiens an. Zum Beispiel Daniel Speight. Der 30-jährige Künstler fährt mindestens einmal im Monat mit seinem Hausboot an dem Schornstein mit dem Graffiti vorbei, um kurz vor dem neuen Olympiastadion Duschwasser aufzutanken. „Ich bin mal neugierig, ob die sich trauen, auch die Graffiti hier wegzumachen“, sagt er. „Dafür würden Kunsthändler nämlich ganz schön was zahlen.“

Speight zog vor 16 Monaten mit seiner Freundin Lucy in das Hausboot, die „Firefly“. Eine gemeinsame Wohnung konnten die beiden sich nicht leisten – für eine Einzimmerwohnung im vergleichsweise billigen East End zahlt man gut 900 Pfund, an die 1200 Euro, im Monat. Die „Firefly“, die sie mit von ihren Eltern geliehenem Geld kauften, kostet sie gerade einmal 800 Pfund pro Jahr an Gebühren.

Auf den Kanälen von Ost-London fand Speight genau das, was man im Rest der britischen Hauptstadt oft vermisst: gute Nachbarschaft. Er beschreibt Londons Hausbootler als eine „Gemeinschaft von Außenseitern“, inklusive eigenem Wirtschaftssystem. „Da gibt’s diesen alten Typen, der vom Reparieren anderer Boote lebt, oder Lizzy, die uns mit Kohle und Gas versorgt. Das geht nur, wenn man sich gegenseitig vertrauen kann. So ein Miteinander gibt’s nirgendwo anders in London.“

Auf die Olympischen Spiele ist man in der Hausboot-Gemeinde nicht gut zu sprechen. Kürzlich bekam Speight eine E-Mail, in der British Waterways ankündigte, dass die Kanalstrecke beim Olympiastadion von Juli bis September in eine „kontrollierte Zone“ umgewandelt werde. Wer keinen dauerhaften Ankerplatz besitzt (etwa 5000 Pfund pro Jahr), müsse sich für eine der begrenzten Sommerlizenzen bewerben (360 Pfund für zehn Wochen). Und wer sich dies nicht leisten kann – wie zum Beispiel Daniel und Lucy –, solle doch bitte irgendwo außerhalb der Stadt einen Anlegeplatz finden. Speight ist sich sicher: Es handelt sich hier um einen „whitewash“, die Räumung der Olympischen Zone von all jenen Elementen, die sie so interessant machen.

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