Olympische Spiele : Peking streicht den Himmel blau

Die Stadt will das Smogproblem in den Griff bekommen - zur Not, indem Messstationen verlagert werden.

Benedikt Voigt

PekingDie Olympiastadt Peking ist in diesem Monat Schauplatz eines ungewöhnlichen Wettbewerbs. „Es gibt jetzt einen Grund, sich über endlose Taxifahrten zu freuen“, schreibt der Verlag, der die Idee zum Taxi-Warte-Wettbewerb hatte. Pekinger Taxikunden sollen ihre Fapiao, ihre Taxiquittungen, aufheben und nachsehen, welche Zahl unter der Rubrik „Warten“ eingetragen worden ist. Pekinger Taxameter zeichnen automatisch jene Zeit auf, in der sich das Fahrzeug nicht bewegt hat. Wer am längsten im nervenaufreibenden Pekinger Stau gestanden hat, gewinnt eine Flasche Wein und ein Buch. Es ist davon auszugehen, dass alle Fapiao unter einer Stunde Wartezeit keine Chance auf den Sieg haben werden.

Verkehrschaos und Luftverschmutzung prägen die 17-Millionen-Einwohner-Stadt Peking. Trotzdem oder gerade deswegen haben sich die Pekinger Organisatoren „Grüne Olympische Spiele“ zum Ziel gesetzt. Hinzu kommt, dass bis zu den Unruhen in Tibet die gesundheitlichen Gefahren für die Athleten durch die Luft- und Umweltverschmutzung in Peking auch das wichtigste Thema waren. „Unsere Maßnahmen werden direkt oder indirekt die Lebensqualität aller Menschen in Peking verbessern“, sagt Wang Haiping. Der stellvertretende Direktor der Pekinger Stadtentwicklungs- und Reformkommission hat gestern die Ziele eines Aktionsplans vorgestellt, der Peking „energieeffizient und umweltfreundlich“ machen soll. Auch sollen die „Tage mit blauem Himmel“ von 64 Prozent (245 Tage) im Vorjahr auf 70 Prozent (256 Tage) steigen. Diese Zahl gilt als Indikator der Luftqualität in Peking.

„Wir arbeiten sehr hart daran, dass sich die Luft in Peking weiter verbessert“, sagte Zhong Liangxi vom Pekinger Büro für Umweltschutz. Tatsächlich sind bereits Fabriken und Kraftwerke geschlossen, verlegt oder umgerüstet worden. Für die Zeit der Olympischen Spiele sind weitere Schließungen sowie Fahrverbote geplant. Doch wie die Arbeit des Pekinger Büros für Umweltschutz auch aussehen kann, hat die Internetseite beijingairblog.com dokumentiert. Demnach drohte die vorgegebene Zahl der „Tage mit blauem Himmel“ im vergangenen Jahr verfehlt zu werden. Prompt wurden vier Messstationen aus der stark verschmutzten Stadtmitte in grüne Außenbezirke verlegt – und schon rutschten die Werte des Luftverschmutzungsindex wieder unter den kritischen Wert von 100 pro Tag.

Ein Ergebnis, das nicht internationalen Standards entspricht. Zumal keine Ozonwerte darin enthalten sind. Die Frage, warum die Messstationen verlegt wurden und warum keine Ozonwerte vorliegen, wollte Zhong Liangxi vom Pekinger Büro für Umweltschutz gestern nicht beantworten. Der Sportphysiologe Randy Wilber vom US-amerikanischen Olympischen Komitee traute den offiziellen chinesischen Werten schon lange nicht mehr und testete im vergangenen Jahr selber die Luft in Peking. Laut „New York Times“ waren seine Werte „verstörend hoch“. Er befürchtete Atemprobleme und empfahl den amerikanischen Athleten, vor ihren Wettbewerben Atemmasken zu tragen. „Das überlege ich mir noch“, sagte auch die Britin Mara Rosalind Yamauchi nach einem Testmarathon im April, „es könnte mir helfen, bei den Olympischen Spielen eine bessere Leistung zu bringen.“

Die Gesundheitskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat hingegen keine Bedenken. „Die Messwerte aus den Testevents im August 2007 zeigen, dass es keine gesundheitlichen Gefahren für die Athleten gibt“, sagte der medizinische Direktor Patrick Schamasch in Peking. Auch habe kein Teamarzt dem IOC ein gesundheitliches Problem gemeldet, das auf die schlechte Luftqualität zurückzuführen sei. Lediglich bei Ausdauersportarten, die länger als eine Stunde dauern, könne es ein Risiko geben. Bei schlechten Werten könnten Marathon, Straßenradrennen oder die Geh-Wettbewerbe eventuell verlegt werden.

Wer gestern nach der Pressekonferenz zu den „Grünen Spielen“ ins Freie trat, den empfing an der U-Bahnstation Chaoyangmen dichter Smog. Vom Himmel war nichts zu sehen, die Sichtweite betrug zirka einen Kilometer. Anschließend fährt das Taxi noch 20 Meter, dann stoppt es. Der Taxameter tickt, die Wartezeit beginnt.

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