Sport : Olympische Winterspiele: Abgefahrene Ideen

Martin Hägele

Der Helm strahlte in allen Zeitungen Amerikas. Der Helm, den Picabo Street tragen will, wenn sie am Montag zur Goldmedaille rast. Die Farben auf dem Helm, der die alpine Skifahrerin während ihrer wilden Schussfahrt schützen soll, sind aus dem Sternenbanner herausgeschnitten. An den Seiten ist die Freiheitsstatue aufgemalt, oben, im weißen Teil der Fahne, fliegt ein F-16 Kampfjet als symbolischer Geleitschutz Picabo Streets Angriff auf den Olympiasieg mit. Go for gold zum zweiten Mal, weil eine Karriere wie die des Flower-Power-Kinds aus einem zerfallenen Goldgräberkaff in Idaho namens Triumph ein solches Happyend braucht. Das ist so in Amerika. Anders geht es nicht. Gerade die Helden aus der Provinz werden hier gern gefeiert.

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Die Olympischen Winterspiele - erste Impressionen
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Salt Lake City sowie weitere Sportmeldungen. Europäische Besucher tun sich schwer mit dieser Denkweise. Und man fragt sich schon, wer dem Mädchen einst diesen nationalen Spleen ins Hirn gepflanzt hat. Die mittellosen Eltern, die als Hippies herumziehen und ihrer Tochter einen indianischen Namen geben, der "leuchtendes Wasser" bedeutet? Wohl kaum. Die haben die kleine Picabo mit drei Jahren auf Ski gestellt. Mit fünf ist sie Rennen gefahren - aber dieser fanatische Wille, sich an jenem 11. Februar 2002 in die Sportgeschichte einzuschreiben, auf Teufel komm raus, dieser verrückte Masterplan muss später über sie gekommen sein.

Menschen, die Picabo Street etwas näher kennen, halten sie nämlich keineswegs für jene freigeistige Amerikanerin, die sich auf unbekümmerte Art in einer europäischen Sportart durchgesetzt hat: Silber 1994 in Lillehammer in der Abfahrt, Olympiasieg beim Super G von Nagano vor vier Jahren, dazwischen Abfahrtsweltmeisterin 1996, zweimal den Abfahrtsweltcup gewonnen.

Ringen mit dem Tod

Jede oder jeder andere hätte nach einem dieser großen Erfolge aufgehört, jeder halbwegs normal tickende Mensch. Um all die Verletzungen, Frakturen und Operationen im Detail aufzuzählen, bräuchte man eine halbe Zeitungsseite Platz. Am schlimmsten war ein Sturz in Crans Montana im März 1998. Da rang Picabo Street eine Woche lang mit dem Tod. Picabo Street aber macht weiter, weil da ja dieses Datum existiert, von dem sie sich so viel verspricht. Und weil ihre Karriere ja immer dieser eine Kreislauf gewesen ist: Unfall - Rehabilitation - Comeback - Sieg.

In manchen Phasen allerdings verfällt Picabo Street in Depressionen und Selbstmitleid. Sie heulte hemmungslos, nachdem feststand, dass sich sich nicht für das amerikanische Super-G-Team für Salt Lake City qualifiziert hatte. Ihren Titel von Nagano kann sie deshalb nicht verteidigen. Im Endeffekt aber kalkuliert sie stets ganz nüchtern mit ihrer Chance. Genauso nüchtern, wie Picabo den Titel Ski-Direktor im Park City Mountain Ressort angenommen hat. Der Olympiaort hat ihr dafür mehr bezahlt als ihr alter Sponsor Sun Valley - zudem werden ihre zwei letzten Rennen Heimspiele für die 30-Jährige sein. Alle Sport - und Ski-Magazine in USA sind im Olympiawinter auf diese Story angesprungen. Sie transportieren damit ihre eigenen Sehnsüchte genauso wie den letzten großen Wunsch der begnadeten Athletin. Man muss nur oft genug darüber schreiben und reden; am Ende glauben alle daran.

In den zwei Jahren, in denen Picabo Street weg war aus der alpinen Skiszene, hat sich der Skirennsport total verändert. Doch auf dem Berg von Snow Basin gelten noch die alten Gesetze. Wer hier gewinnen will, muss gut gleiten können. Das kann Picabo Street, die vor einem Jahr hier die olympische Generalprobe gewonnen hat. Sie hat sich mit dieser Strecke so auseinandergesetzt und angefreundet, wie man das sonst nur mit einem Lebenspartner tut.

Im Sommer ging sie nächtelang hier spazieren. Nur begleitet von ihrem Hund, einem Pitbull namens Pele. Und falls jetzt alles so kommt, wie es kommen soll, werden die einen sagen, Picabo Street habe sich von der Weisheit ihrer indianischen Vorfahren leiten lassen. Moderner denkende Menschen werden dann von einer Self fullfilling prophecy reden: die Prophezeiung, die letztendlich eintrifft, wenn man nur fest genug daran glaubt.

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