Sport : Olympische Winterspiele: Kombinierte Psychologie

Benedikt Voigt

Das Beste hatte Hermann Weinbuch verpasst. Als der Bundestrainer für Nordische Kombination durch einen Nebeneingang in das Deutsche Haus schlüpfte, hatte der Pressesprecher des deutschen Nationalen Olympischen Komitees bereits unfreiwillig für die Highlights gesorgt. "Ich bin ja nur von Damen umgeben", hatte Klaus Angermann gesagt, obwohl am anderen Ende des Podiums der deutsche Delegationsleiter Klaus Kotter saß. Dann sprach er die beiden Eisschnellläuferinnen Claudia Pechstein und Sabine Völker an: "Ich bin kein Experte im Eiskunstlaufen." Und als Weinbuch sich schließlich auf das Podium setzte, vermutete Angermann, dass dieser bestimmt vom Fackellauf aufgehalten wurde. Der Bundestrainer sagte: "Wir haben noch trainiert."

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Salt Lake City sowie weitere Sportmeldungen. Es gibt eben Wichtigeres als Pressekonferenzen mit Klaus Angermann. Eigentlich hätte Hermann Weinbuch auch Ronny Ackermann auf die Reise aus Park City zum Deutschen Haus in Salt Lake City mitnehmen sollen. "Doch Ronny braucht Ruhe", sagt Weinbuch. Schließlich zählt der beste Deutsche in der Nordischen Kombination vor dem heutigen Springen von der Normalschanze (ab 17 Uhr, MEZ) zu den Favoriten des Wettbewerbs, der am Sonntag nach dem Langlauf (ab 17 Uhr, MEZ) über 15 Kilometer entschieden ist.

Fünf Weltcupsiege verzeichnete Ackermann in dieser Saison, sein großer Konkurrent, der Österreicher Felix Gottwald, kommt sogar auf sechs. Ackermann lenkt ein bisschen von seinem Favoritenstatus ab. "Es gibt zehn Siegkandidaten", sagt der 24-Jährige. Vor großen Wettbewerben wird der sonst so aufgedrehte Sportsoldat plötzlich ruhig. "Ackermann muss endlich cool bleiben", fordert Weinbuch deshalb.

Auch der Rest der Mannschaft ist vor dem ersten Wettbewerb ungewöhnlich nervös. "Wir haben überraschende Umstellungsprobleme", stellte Weinbuch nach dem zweiten Training fest. Sein Team kam mit dem langen Schanzentisch und dem Radius der Schanze nicht zurecht. "Da spielt die Psychologie eine Rolle. Das ist ja eine sehr junge Mannschaft", sagt der Bundestrainer, der gestern sein Team nominierte. Nur Ackermann war 1998 schon bei Olympischen Spielen dabei, Sebastian Haseney (23), Georg Hettich (23) und Björn Kircheisen (18) erleben eine Premiere. Letzterer wird sogar als Geheimtipp für eine Medaille gehandelt. Der 18-Jährige aus Johanngeorgenstadt kann ebenso wie Georg Hettich (Schonach-Rohrhardsberg) zweite Plätze im Weltcup vorweisen.

Ronny Ackermann wusste nach zwei eher mäßigen Trainingstagen seine Leistungen nicht recht einzuordnen. "Das wird hier ziemlich schwer. Ich bin nicht wirklich zufrieden, aber ich weiß, was ich verbessern muss. Und das ist das Wichtigste", sagte er. Der Oberhofer Sportsoldat muss sich mit den Olympia-Anlagen erst noch anfreunden: "Es ist nicht einfach, sich auf die Schanze einzustellen; auch die Langlauf-Strecken sind eine echte Herausforderung. Hier können wahrscheinlich zehn Leute gewinnen."

Die letzte olympische Medaille für das deutsche Team in dieser Sportart liegt schon 14 Jahre zurück. Damals gewann das Trio Thomas Müller, Hans-Peter Pohl und Hubert Schwarz Gold mit der Mannschaft. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Zeit der Erfolglosigkeit nun vorbei ist. "Am Anfang habe ich pessimistisch in die Zukunft geblickt, jetzt aber hat sich das um 180 Grad gedreht", sagt Weinbuch. Die Nachwuchsförderung der Nordischen Kombinierer gilt inzwischen als beispielhaft. In Björn Kircheisen hat Weinbuch einen zweifachen Juniorenweltmeister in seinem Team. Alle Trainingskonzepte für den Nachwuchs werden zentral abgestimmt. Hinzu kommt, dass Ronny Ackermann in dieser Saison zum ersten Mal seit seinem Autounfall und dem Pfeifferschen Drüsenfieber wieder richtig trainieren kann. "Das ist die Grundlage für den Erfolg", sagt Weinbuch.

Das deutsche Team wäre noch stärker, wenn sich nicht der amtierende Weltmeister Marco Baacke vor der Saison bei einem Trainingsunfall die Milz gerissen und eine Niere verloren hätte. Inzwischen trainiert Baacke wieder. "Die andere Niere muss sich erst langsam daran gewöhnen, dass sie jetzt die doppelte Arbeit leisten muss", erklärt Weinbuch.

In der Hierachie der Wintersportarten kämpfen sich die Nordischen Kombinierer wieder nach oben. Inzwischen ist der Nordische Skisport in Deutschland erfolgreicher als die Kollegen aus dem alpinen Bereich. Im Skispringen zählen Sven Hannawald und Martin Schmitt, in der Nordischen Kombination Ronny Ackermann zu den Goldmedaillenanwärtern. Im alpinen Bereich kann man das nur von Hilde Gerg behaupten.

Die deutschen Kombinierer wären vielleicht noch stärker, wenn sie nicht ein Talent in den 90er Jahren an die Skispringer verloren hätten: Sven Hannawald startete seine Karriere als nordischer Zweikämpfer. Besonders traurig dürften Hermann Weinbuch und seine Trainerkollegen darüber aber nicht sein. Die Medaille bleibt ja im Lande.

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