Sport : Omas faszinierende Kleider

Ein ungewöhnlicher Zufall hat die Geschwister Beier aus Manila zum Eistanz geführt – nun starten sie bei der Europameisterschaft

Frank Bachner

Berlin. Villeicht hat Kati Winkler ja Christina und William Beier schon die Geschichte mit den Weltraumanzügen erzählt. Kati Winkler gab Shakespeares Julia auf dem Eis, ihr Partner René Lohse spielte Romeo. Romantisch eigentlich. Aber die Liebenden trugen im Wettkampf eine Art Astronautenanzüge. Zu schrill. Im Eistanz mögen es Preisrichter nicht, wenn ein Paar aussieht als käme es gerade von einer Faschingsparty. Die Noten waren mies, ein deutscher Funktionär riet dringend zum Kostümwechsel. Romeo und Julia tanzten nun in Shakespeare-gerechten Kleidern. Die Noten: gut.

Kati Winkler kann viele solcher Tipps weitergeben. Das soll sie sogar. Die Eistänzer William und Christina Beier sind schließlich im Januar extra von Dortmund ins Bundesleistungszentrum Oberstdorf gewechselt, weil dort Winkler und Lohse trainieren. Sie wollen Tipps von den Olympia-Achten von 2002. „Und wir erhoffen uns durch das gemeinsame Training neue Impulse“, sagt William Beier. Aber das dauert. Bei der Eiskunstlauf-EM in Budapest, die heute beginnt, peilt das Paar Beier/Beier maximal Platz 14 an. Es ist schließlich ihre erste EM. William Beier ist 21, seine Schwester 19 Jahre alt. Und in Budapest müssen sie ohne ihre Vorbilder auskommen. René Lohse verletzte sich am Montagabend. „Aber die beiden sind auf jeden Fall EM-tauglich“, sagt Lohse.

Vor allem aber haben sie eine ungewöhnliche Geschichte, die Geschwister Beier, geboren in Manila, Hauptstadt der Philippinnen. Ihr Vater war ein Kapitän der DDR-Handelsmarine aus Chemnitz, ihre Mutter eine Philippinin. Die Mutter verließ die Familie, als William drei Jahre alt war, der Vater, geflüchtet aus der DDR, zog später mit den Kindern von den Philippinnen nach Chemnitz. 1990 war das. Der Vater hatte viel erzählt vom Schnee, den es in Deutschland gibt. Also wollten die Kinder Schnee sehen, sofort nach der Ankunft in Chemnitz. Doch bei der Ankunft war Sommer, es gab keinen Schnee. Aber es gab diese alte Eishalle. Vor dem heruntergekommenen Gebäude hatten Arbeiter die Eisstücke gelagert, die anfallen, wenn das Hallen-Eis gerichtet wird. Es waren kleine Berge von Eisbrocken, ideales Spielzeug für Kinder von den Philippinnen. Eis kannten sie schließlich genauso wenig wie Schnee.

Kurz darauf verunglückte ihr Vater tödlich. Eine tragische Episode, aber eine Folge von ihr ist letztlich der Aufstieg von William und Christina Beier zu EM-Teilnehmern im Eistanz. Denn die Beiers kamen durch Zufall zu einer besonderen Pflegefamilie, nur wussten sie das damals nicht. Sie wussten nicht, dass die Mutter ihres Pflegevaters eine bedeutsame Rolle im DDR-Eiskunstlauf gespielt hatte. Diese Frau hatte jahrelang die Kostüme der ostdeutschen Eisstars genäht. Katarina Witt, Anett Pötzsch – sie alle trugen ihre Kostüme.

Das interessierte die Kindern nicht sonderlich, als sie sich in der Eishalle von Chemnitz selber auf Schlittschuhe stellten. Die beiden fielen einem Trainer auf, er brachte ihnen die Grundformen des Eiskunstlaufs bei. Sie wurden immer sicherer, und ihre neue Oma nähte nun Kostüme für ihre Enkel. Doch irgendwann waren die Geschwister Beier unzufrieden mit dem Training. Also gingen sie nach Dortmund, damals eine Eistanz-Hochburg. Sie gingen ganz allein, William als 13-Jähriger, seine Schwester war elf. Kinder in einer fremden Stadt. Die Pflegeeltern hatten zugestimmt. „Natürlich war das für unsere Eltern hart“, sagt William Beier. „Aber sie wollten nicht, dass wir unseren Sport aufgeben.“ Jedes zweite Wochenende reisten die Eltern nach Dortmund. Ihre Kinder lebten in einem Sportlerheim, betreut von Mitgliedern ihres neuen Vereins. Doch die Geschwister kamen gut allein zurecht, jedenfalls sagen sie das. Ein Jahr nach dem Umzug wechselten sie in eine eigene Wohnung. Sie erzogen sich praktisch gegenseitig. „Wenn ich nach einer Party zu spät nach Hause kam, meckerte Christina“, sagt ihr Bruder.

Sie liefen natürlich gemeinsam, die Kostüme lieferte die Oma. Die versorgt die beiden heute noch. Das ist einer der Gründe dafür, dass es das Eistanz-Paar Beier/Beier noch gibt. Und dass sie mal Fünfte der Junioren-Weltmeisterschaft wurden „So ein Kostüm kostet mehrere tausend Euro“, sagt Christina Beier. 14 Kostüme besitzt die 19-Jährige für diese Saison. Ohne die Oma wäre nicht klar, ob sich die Geschwister diesen Sport leisten könnten, obwohl jetzt beide bei der Bundeswehr sind. Aber auch die Kostüme der Chemnitzer Eiskunstläufer Rico Rex/Eva-Maria Fitze sind auf der Nähmaschine der Großmutter entstanden.

William und Christina Beier haben längst diese Nähe zueinander, die nur entsteht, wenn Geschwister bedingungslos aufeinander angewiesen sind. „Wir sind schon sehr eng zusammen“, sagt Christina Beier. Und das prägt die sportlichen Momente. Ein Partnerwechsel? Grundsätzlich schon, sagt William Beier erst mal ziemlich locker. Aber dann blickt er zu seiner Schwester. Sekundenlang schweigt der 21-Jährige. Und schiebt dann nach: „Nein, nur im Notfall.“

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