• Onkel Pelle und sein Kindergarten Wie naive Hoffenheimer über Leverkusen stürzten

Sport : Onkel Pelle und sein Kindergarten Wie naive Hoffenheimer über Leverkusen stürzten

Die naive Hoffenheimer Abwehr ist dem Leverkusener Angriffswirbel beim 1:4 nicht gewachsen

Sven Goldmann[Sinsheim]
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Zuschauer in blau. Die Hoffenheimer verfolgen andächtig, wie Gonzalo Castro das vierte Tor für Leverkusen erzielt.Foto: ddp

Die Stunden des Freitags waren gezählt, die Kameras und Mikrofone abgeschaltet, da steckten sie bei der TSG 1899 Hoffenheim die Köpfe zusammen, um zu analysieren, was Bayer Leverkusen da gerade mit ihnen veranstaltet hatte. Die erste Heimniederlage in der Bundesliga nach neun stimmungsvollen Festen – irgendwann musste es ja mal passieren. Aber gleich so heftig? Hoffenheim trug schwer an dieser 1:4-Niederlage, von der Leverkusens zweifacher Torschütze Patrick Helmes unwidersprochen behaupten durfte, sie hätte auch zwei, drei Tore höher ausfallen können. Einer, der sich nicht zitieren lassen wollte, sprach vom „Kindergarten da hinten“ und meinte nicht das jugendliche Alter des verteidigenden Personals. Sondern dessen Naivität.

Bayers aggressives und zugleich technisch anspruchsvolles Spiel war die eine Geschichte des Freitagabends. Die andere war Hoffenheims mangelnde Abwehrbereitschaft. Im Zentrum der Verteidigung wie der Kritik stand Per Nilsson, mit seinen 26 Jahren dem Kindergartenalter schon ein Weilchen entwachsen. Beim ersten Gegentor verlor Nilsson den Leverkusener Helmes aus den Augen, beim zweiten durch Simon Rolfes rutschte er aus, und als Hoffenheim endlich Fahrt aufgenommen und durch Sejad Salihovics Elfmeter den Anschluss geschafft hatte, verursachte er Sekunden vor der Pause jenen Freistoß, in dessen Folge Helmes auf 3:1 erhöhte. „Der Pelle hatte heute einen unglücklichen Tag“, sagte Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick diplomatisch.

Andreas Beck, auch er für die Defensive verantwortlich, sprach später mit der Weisheit seiner 21 Jahre: „Wir werden versuchen, das Positive aus dieser Woche mitzunehmen.“ Beck hat sich in den vergangenen Monaten durch sein Interesse an Schopenhauer und Nietzsche einen Ruf als kickender Philosoph erarbeitet. Er wird wissen, was denn positiv war in den vergangenen sieben Tagen. Am Samstag gab es ein glückliches 1:1 beim Schlusslicht Mönchengladbach, am Mittwoch debütierte er beim 0:1 gegen Norwegen in der Nationalmannschaft, und dann kam auch schon Leverkusen.

Ist Hoffenheim, wie von vielen prophezeit, an seine Grenzen gestoßen? Steht das Debakel gegen Bayer für den allmählichen Abstieg in das Nirwana des Mittelfeldes? „Davor habe ich keine Angst“, sagte Rangnick. Schon beim Hinspiel in Leverkusen hatte Hoffenheim eine heftige 2:5-Niederlage einstecken müssen, „und auch damals hätten wir durchaus höher verlieren können“. Das war im August, und was folgte, war das Gegenteil einer Krise. Nicht zu Unrecht referierte der Hoffenheimer Trainer über den Willen und das Tempo, mit dem sich seine Spieler am Freitag gegen den Untergang gestemmt hatten, solange noch Hoffnung war. In dieser Phase zwischen dem zweiten und dem dritten Gegentor rissen die Hoffenheimer das Spiel an sich und zeigten einen Anflug jener Leidenschaft, die sie im Herbst ganz nach oben getragen hatte.

Der Unterschied zwischen gestern und heute war der Ertrag der optischen Überlegenheit. Es fehlte Hoffenheim ein Stürmer wie Patrick Helmes. Drei Torchancen hatte der Nationalspieler am Freitag. Zwei verwertete er mit ansatzlosen Direktschüssen – ganz so, wie es der Hoffenheimer Vedad Ibisevic in der Hinrunde so oft getan hatte. Der Bosnier führt noch immer die Bundesligaschützenliste an, aber wegen eines Kreuzbandrisses wird zu seinen 18 Toren keines mehr dazukommen. „Armer Kerl“, sagte Helmes und mochte nicht darauf eingehen, dass er nur noch drei Tore hinter Ibisevic liegt.

Patrick Helmes weiß, durch welches Tal ein Stürmer an Krücken geht. Im Herbst 2006 hatte er mit sieben Toren in fünf Spielen den 1. FC Köln auf Platz eins der Zweiten Liga geschossen. Dann brach sein Mittelfuß, und Helmes fiel vier Monate aus. Die Folgen waren dramatisch: Köln stürzte ab ins Nirwana des Mittelfeldes und lag am Saisonende 24 Punkte hinter Zweitligameister Karlsruhe.

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