Sport : Opportunisten im Trainingsanzug

Am 17. Juni 1953 blieb der Sport in Deckung: Kein einziger prominenter Athlet schloss sich dem Volksaufstand an

Giselher Spitzer

Der Mann war vom Fach. Er behandelte Bänderrisse im Sprunggelenk, diagnostizierte Knieverletzungen und half bei Adduktorenbeschwerden. Ein Spezialist mit guter Adresse: Deutsche Sporthochschule für Körperkultur (DHfK), Leipzig. Der Mann heilte Verletzungen – das hatte er geschworen. Am 17. Juni 1953 vergaß er den Schwur. Da sorgte der Sportarzt selbst für Verletzungen. Er schlug zu, sein Opfer war ein SED-Funktionär. In Leipzig herrschte Aufruhr an diesem Tag, wie in der gesamten DDR, und der Sportarzt „fiel besonders negativ am 17. Juni 1953 auf. Er war maßgeblich mit beteiligt, einen Funktionär zu misshandeln“, notierte die Staatssicherheit – und reagierte. „Er war eine Woche inhaftiert“, lautet der interne Vermerk.

Zum besonderen Fall wird der Arzt allerdings nicht wegen der geringen Strafe. Der Sportarzt ragt heraus, weil er der einzige Demonstrant war, der dem Sport zugeordnet werden konnte. Hunderttausende waren auf den Straßen, protestierten und übten den Aufstand, doch wo war der Aufstand der Sportler oder Trainer? Welche prominenten Athleten verweigerten sich lautstark dem System und gaben durch ihre Prominenz den Unruhen eine noch höhere, symbolhaftere Bedeutung? Die schlichte Antwort: Die Sportler blieben in Deckung. Wenn sie demonstrierten, dann als Teil einer anonymen Masse. Kein bekanntes Gesicht gab den Wünschen der Demonstranten eine prominente Stimme. Auch nicht in der Sportstadt Leipzig, die sich ein halbes Jahrhundert später um die Olympischen Spiele bewirbt. Dort strömten zwar Angehörige der Motorsportschule Düben vor die Gebäude der SED und der Staatssicherheit, aber die Aufmüpfigen waren Bauarbeiter, keine Sportler.

Wohl auch deshalb herrschte in Berlin, in der Zentrale der Sportführung, keine ungewöhnlich aufgeheizte Stimmung. Am 19. Juni 1953 fand die 24. Sekretariatssitzung des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport statt. Das Treffen der Funktionäre war Routine, allerdings ließen sich die Ereignisse nicht völlig ausblenden. Also verkündete der Staatssekretär für Sport im Range eines Ministers die aktuellen Maßnahmen: „Sportveranstaltungen in der DDR sowie im demokratischen Sektor von Großberlin sind auszusetzen – bis auf weiteres.“

Der Sportchef hieß Manfred Ewald. Jener Ewald, der später im DDR-Sport als Leistungsfanatiker Furcht und Schrecken verbreiten sollte und zum Hauptverantwortlichen des Staatsdopings wurde. Ewald ließ am dritten Tag der Erhebungen „das Verhalten der Kolleginnen und Kollegen während der provokatorischen Ausschreitungen am 17. Juni 1953“ überprüfen. „Allen, die an diesen Tagen der Arbeit ferngeblieben sind, ist der Lohn für die entsprechenden Stunden in Abzug zu bringen.“ Aber völlig selbstsicher und überzeugt vom Sieg des Sozialismus über die so genannten Provokateure schien die Runde dann doch nicht gewesen zu sein. Der Tagesordnungspunkt „Glückwunschschreiben des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport zum Geburtstag des Freundes der Jugend und der Sportler, Walter Ulbricht“ wurde „einstweilen zurückgestellt“.

Seit 1952 war der Sport in der DDR eng mit der Staatsführung verbandelt. In diesem Jahr wurde das „Staatliche Komitee für Sport“ gegründet. Von jetzt an wurde nichts mehr dem Zufall überlassen. Die Zahl der hauptamtlichen Funktionäre und Trainer im Sport nahm enorm zu. Im April 1953 wurden 39 Prozent aller Staatszuschüsse für den Sport allein für Gehälter verwendet. Für Linientreue war gesorgt: Die meisten Funktionäre kamen nicht aus dem Sport, sondern hatten eine Vergangenheit als SED- oder FDJ-Funktionär. Der Sport war eine Chance zum sozialen Aufstieg, der Preis dafür war Anpassung. Aber diese Loyalität war für die Quereinsteiger kein Problem.

Vor allem in Leipzig waren revolutionäre Gedanken im Sport tabu. Dort sollten vom 11. bis 19. Juli 1953 aufwändige „Sommerfestspiele“ stattfinden. Eine Show ganz nach dem Geschmack der SED-Propagandisten. Ulbricht und Ewald sollten sprechen, die Masse hatte entsprechend zu jubeln. 1840 Männer und 1100 Frauen waren für sportliche Auftritte geladen, 250 auswärtige Funktionäre und Ärzte wurden erwartet. Die Losung lautete: „Kämpft für die Freilassung der jungen westdeutschen Patrioten aus den Adenauer-Kerkern!“

Im Sport stießen solche Sprüche auf weniger Widerwillen als bei Arbeitern oder Bauern. Denn im Sport war von schlechten Lebensbedingungen nichts zu spüren. Wer dort arbeitete, hatte ein gutes Einkommen und einen hohen sozialen Status. Es gab sogar rege Kontakte mit dem Ausland.

Aber da die Stasi selbstverständlich niemandem traute, auch den eigenen Sportlern und Trainern nicht, legte sie ein möglichst großes Informantennetz über diesen sensiblen Bereich. Am wichtigsten war den staatlichen Schnüfflern natürlich ein geordneter Ablauf von Großereignissen in der DDR. Nichts wäre peinlicher gewesen, als wenn ausgerechnet bei einer Massenshow Pfiffe und Buhrufe gegen Ulbricht oder andere Spitzenfunktionäre ertönt wären.

Besondere Aufmerksamkeit galt dem „IV. Parlament der Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) mit seinen großen Sportangeboten. Das Fest fand vom 26. Mai bis 3. Juni 1952 in Leipzig statt. Unter die 115 000 Teilnehmer mischten sich 750 Inoffizielle Stasi-Mitarbeiter, also 6,5 Prozent. Bei den Delegierten standen sogar zwischen acht und 15 Prozent auf der Gehaltsliste der Staatssicherheit. Die Stasi rechnete offenbar mit dem Beginn des dritten Weltkriegs – mit Bombenanschlägen und Schusswaffen-Einsatz von westdeutschen Terroristen und Provokateuren. Bemerkenswerte Phantasien.

Am 18. April 1953 erhielt eine Anweisung zum Sport sogar den Status einer Geheimen Kommandosache. Eine höhere Geheimhaltungsstufe gab es nicht. Es ging um die „Sicherung der VI. Internationalen Friedensfahrt Prag – Berlin – Warschau“. Die Stasi befürchtete politische Demonstrationen und das Werfen von „Reifentötern, die den Ablauf stören und Fahrer wie Öffentlichkeit verunsichern könnten“. Die Paranoia der Stasi-Leute blieb eine virtuelle. Die siegreiche Zieleinfahrt des DDR-Radteams um Gustav-Adolf Schur wurde wie geplant ein großes Jubelfest. Das war im Mai 1953, kurz bevor die Aufstände im ganzen Land losbrachen.

Der Autor ist Sportwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, er erforscht seit Jahren die Geschichte des DDR-Sports. Am heutigen Sonntag, 23 Uhr, ist er zu Gast im Sportgespräch des „Deutschlandfunks“.

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